WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

Aus dem Pott in die Welt. Halil Altintop (r.) ist wie Özil in Gelsenkirchen geboren, spielt aber für die Türkei. Foto: dpa
Aus dem Pott in die Welt. Halil Altintop (r.) ist wie Özil in Gelsenkirchen geboren, spielt aber für die Türkei. Foto: dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Qualifiziert hat sie sich nicht, aber irgendwie ist die Türkei jetzt doch noch zur WM gekommen. Vielleicht nicht die ganze Mannschaft, zumindest aber ein kleiner Teil. So zumindest lesen sich die türkischen Zeitungen, die sich nach dem starken Spiel Mesut Özils gegen Australien gar nicht wieder beruhigen wollten. Besser als Messi sei er, ja ein neuer Zinedine Zidane sei gefunden, schreiben die „Hürriyet“ und andere Zeitungen. Dass Özil deutscher Staatsbürger ist, bleibt gerne unerwähnt. Er wird vielmehr als „Türke in der deutschen Nationalmannschaft“ bezeichnet. Ein bisschen zeigt sich hier die Sicht der Türkei auf die türkischstämmigen Migranten in Westeuropa: Diese werden auch dann als Bürger der türkischen Nation betrachtet, wenn sie längst einen Pass ihres neuen Heimatlandes besitzen.

Özil ist nicht der einzige türkischstämmige Spieler, der in Westeuropa geboren wurde und in seinem dortigen Heimatland die Nationalmannschaft verstärkt. Neben dem Mittelfeldspieler von Werder Bremen tummeln sich noch vier andere Profis mit türkischen Wurzeln bei der WM. Serdar Tasci steht im deutschen Aufgebot – und gleich drei Spieler bei den Schweizern haben türkische Wurzeln: Hakan Yakin, Gökhan Inler und Eren Derdiyok. „Fünf Türken in Afrika“, schrieb „Hürriyet“.

Mesut Özil aber steht klar im Fokus der Berichterstattung der türkischen Medien. Es wird hitzig über die Gründe diskutiert, weshalb das junge Talent nicht für die Türkei aufläuft. Wie Halil und Hamit Altintop ist Özil in Gelsenkirchen geboren, die Zwillingsbrüder aber spielen trotzdem für die Türkei. Nicht so Özil. „Wie ist uns der denn durch die Lappen gegangen?“, will die „Hürriyet“ wissen. Als Özils Aufstieg begann, wurde er vom türkischen Fußballverband umworben – vergeblich. „Die Familie wollte nicht den deutschen Pass verlieren, deshalb hat sie den Deutschen den Vorzug gegeben“, hat Oguz Cetin, ein früherer Trainer-Assistent des türkischen Nationalteams, der Zeitung „Takvim“ verraten. Offenbar ist Cetin immer noch beleidigt. Denn zwischen den Zeilen seiner Sätze schwang deutlich die Enttäuschung darüber mit, dass sich ein türkischstämmiger Sportler gegen die Türkei entscheidet. „Alles nur wegen des deutschen Passes“, tadelte dann auch „Takvim“.

Einige Beobachter in der Türkei widersprechen den beleidigten Nationalisten allerdings. Erstens, schrieb der Kolumnist Ercan Güven in der Zeitung „Milliyet“, gebe es keinen vernünftigen Grund dafür, dass ein in Deutschland geborener junger Mann, der sein ganzes Leben in deutschen Jugend-Ligen zugebracht habe, sich plötzlich für die Nationalmannschaft der Türkei entscheide. Und zweitens wäre Özils Talent in der Türkei, wo es keine systematische Nachwuchsförderung gebe, möglicherweise nie erkannt worden – und somit verkümmert: „Einige ,Mesuts' müssen hier Schafe hüten“, schreibt Güven.Thomas Seibert, Istanbul

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