WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

Unterwegs im Tross der deutschen Nationalelf-Journalisten von Johannesburg nach

Port Elizabeth und zurück. Im Kollegium macht man sich ernste Sorgen: Ist das noch der DFB, wie wir ihn kennen? Mit eineinhalb Stunden Verspätung ist der vom Verband gecharterte Flieger mit 90 deutschen Journalisten zum Spiel zwischen Deutschland und Serbien in Port Elizabeth eingetroffen. Wie kann das sein? Gibt es überhaupt eine Institution, die es mehr verdient hätte, mit dem Slogan „Reisen wie die Profis“ für sich zu werben als der Fußballverband und sein angeschlossenes Reisebüro?

Der DFB ist schließlich weltberühmt für seine generalstabsmäßige Planung bis ins

letzte Detail. Was für die Nationalelf gilt, muss aber nicht für die Medienleute gelten: Schon beim Abflug in Johannesburg hat allein das Betanken des in die Jahre gekommenen Fliegers eine halbe Stunde gedauert, was einen Kollegen zu dem Sparwitz bewegte: „Steht der Pilot etwa an der Säule und hält den Zapfen persönlich rein?“

Nun wartet nicht einmal ein Bus in Port Elizabeth auf die Redakteure – zu 98 Prozent Männer im besten Alter, von denen viele so aussehen, als würden sie zwar über Sport berichten, aber kaum noch Zeit finden, ihn auszuüben. Die Stimmung ist aufgeheizt. Als der Tross von einem Reiseleiter an zwei Minibusse geführt wird, ruft einer genervt: „Wachsen die noch? Wie sollen wir da alle reinpassen.“

Wenn Journalisten reisen, erlebt der gepflegte Kalauer eine Renaissance. Es gibt immer einen, der einen Spruch raushaut, und einen, der drüber lacht. Jeden Tag treffen sich die mitreisenden Redakteure im deutschen Lager, um aus den zumeist meinungsarmen Antworten von Nationalspielern eine Geschichte zu entwickeln. Der kürzeste Witz über die Pressekonferenzen? Fragt ein Journalisten einen anderen: „Und was hast du aus der Pressekonferenz heute mitgenommen?“ Der andere: „Einiges. Drei Bitburger und ’ne Cola.“ Das Sponsorbier ist im Quartier für Journalisten nämlich kostenlos.

Inzwischen haben alle einen Platz im Bus ergattert, da wartet das nächste Problem. Journalisten neigen zur Ungeduld. Eine Kleingruppe im vorderen Bereich des Busses will ausgemacht haben, dass der Fahrer den Zielort nicht kenne. Man sei ja schon mal hier gewesen und könne erkennen, dass der Mann nicht wisse, wie man zum Medienzentrum am Stadion käme. Eine Task Force ist eingerichtet, die die Ortskenntnis des Fahrers nachhaltig anzweifelt und ihn zum Anhalten nötigt: „Stop the car. We have to go.“

Die Rädelsführer stürmen aus dem Bus auf den Stadioneingang zu. Der gesamte Tross folgt im Gänsemarsch. Man hört Flüche über den Reiseveranstalter, einer wiederholt im Telefonat kopfschüttelnd den saftigen Preis, den seine Redaktion für den Flug inklusive Shuttlebus berappen musste, und ein ostwestfälischer Kollege sagt leise zu seinem Nebenmann: „Wie ich mich freue, diese ganzen Hackfressen zu sehen. Diese Crème de la Crème des deutschen Sportjournalismus, die es nicht mal nötig hat zu grüßen.“ Nicht nur Fußballern droht bei einer WM mitunter Lagerkoller.Tim Jürgens

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