WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

Kurz vor halb zwei ist der Videowürfel noch immer dunkel. Jeden Moment muss die Partie Niederlande gegen Japan beginnen. „Sturmwarnung“, sagt der Security-Mann. Die 40 orange gekleideten Zuschauer unter den 400, die auf der Wiese Platz genommen haben, werden unruhig. Der Himmel über dem „Hurricane“, einem norddeutschem Rockfestival in Scheeßel zwischen Hamburg und Bremen, ist blau. Das hat Seltenheitswert an diesem Wochenende. Blau-weiß-rote Fahnen hängen schlapp im Wind, und Piet van der Felde, ein 29 Jahre alter Chirurg aus Utrecht, wittert eine Intrige. Alles, was Orange ist, erhebt sich und stimmt Hollands Hymne an. Da, ein kurzes Flackern, plötzlich ein Bild, „Siehst du“, sagt Piet. Er glaubt fest daran, dass Oranje die Übertragung erzwungen hat. Nur dreieinhalb Minuten haben er und die anderen verpasst, es steht null zu null. Warum zahlt jemand 130 Euro Eintritt für ein Festivalwochenende und guckt sich dann Fußball im Fernsehen an? „Das sind meine Jungs“, Piet zeigt Richtung Videowand, „da musst du Prioritäten setzen.“ Und Meagan van der Mortel, Studentin aus Groningen, schwenkt die Landesfahne, auf dem Kopf trägt sie eine Krone zum Aufblasen. Eigentlich wollte die 23-jährige Meagan „Florence and the Machine“ sehen. Deren Auftritt beginnt um 14 Uhr 45 auf der blauen Bühne, einer von vieren auf dem Gelände der Sandbahn-Arena im Wald. 14 Uhr 45, das ist mitten in der zweiten Halbzeit. Mal sehen, wie es läuft.

Es läuft so mittel. Holland ist überlegen, Japan aber nicht chancenlos. „Drecksfußball“, ruft einer im schwarzen Shirt mit der Aufschrift „Dropkick Murphys“. Weil Holland spielt? „Nö“, aber das hier sei doch ein Rockfestival, „Fußball passt nicht hierher“, findet der Junge. Piet stört das nicht weiter, Piet sagt, man komme nicht nur wegen der Musik, man komme, um sich zu treffen. Scheeßel ist Festival, Festival heißt Fun, wenn Holland spielt, ist für ihn Fun. Und das gilt offenbar auch für die meisten anderen. Wer sich hier zu Holland bekennt, trägt Zöpfe, hat sich als Frau Antje verkleidet oder mindestens ein Oranje-Shirt am Leib.

Inzwischen ist Halbzeit, der Himmel nicht mehr blau, der Wind hat aufgefrischt und auf der Großbildleinwand zeigen sie noch mal das Tor der Serben gegen Deutschland, Oranje jubelt. Zweite Halbzeit, drüben müsste jetzt Florence and the Machine beginnen, da trifft Wesley Sneijder. Meagan schwenkt die Fahne, denkt nicht mehr an Florence, hup, Holland hup.

Übrigens hat Scheeßel 6741 Einwohner, normalerweise. Während der drei Tage Hurricane-Festival sind es 70 000 mehr. Sie sind gekommen wegen den Strokes, Mando Diao, den Beatsteaks oder einer der anderen 70 Bands, die dieses Jahr am Start sind. Und die meisten wohnen in einem der ungefähr 25 000 Zelte, die das Festival-Gelände umstellen. Piet zeltet auch. 92. Minute, ein Japaner geht zu Boden – nein, kein Elfmeter. Das Spiel ist vorbei, Florence and the Machine auch. Macht nichts, sagt Meagan. Und Piet will jetzt grillen. Zur Bühne geht er spätestens um halb eins in der Nacht. Dann tritt Massive Attack auf.Andreas Austilat

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