WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

Makhanani Chauke hat keine Ahnung, wie alt dieser Affenbrotbaum eigentlich ist. Sie weiß nur, dass er schon da war, als sie laufen lernte und wohl auch, als ihre Mutter laufen lernte. Makhanani sitzt auf einem Vorsprung des Stammes, um ihre Beine hat sie eine Wolldecke gewickelt, es weht ein frischer Wind. Hier hockt die junge Frau oft, wenn ihre Brüder und deren Freunde sich zum Fußball treffen. Sie feuert die Jungs an, rauft sich die Haare oder springt jubelnd in die Luft. Ab und zu trinkt sie auch einen Schluck Cola aus der Flasche. Was ein richtiger Coach eben so macht.

Ganz im Norden der südafrikanischen Provinz Limpopo liegt die Siedlung Kranenburg. Dort gibt es den Affenbrotbaum, ein paar Steinhäuschen, eine Grundschule, die geteerte Straße R572, die nirgendwohin führt – und einen Bolzplatz, den sich die Spieler mit einer kleinen Schafherde teilen. Südafrika hat viele Orte wie Kranenburg, an denen die WM nicht stattfindet. Die Gegend an der Grenze zu Zimbabwe ist arm und menschenleer. Es sind fünf Autostunden bis zum nächsten Stadion in Polokwane, gefühlt liegt die Glitzerwelt der Nationalmannschaften und Medienzentren viel weiter weg.

Lucas, Makhananis großer Bruder, schätzt den Affenbrotbaum auf 500 Jahre. „Ein echter Großvater“, sagt der 23-Jährige. Manchmal bohrt er ein Loch in eine Frucht, lässt Milch hineinlaufen, schüttelt und trinkt. „Schmeckt besser als Joghurt.“

Die Kronen der Bäume wirken im Winter wie ein gigantisches Wurzelgeflecht, deswegen heißt es, der Teufel habe sie umgekehrt in den Boden gepflanzt. Oder eine Hyäne habe, als sie in der Spiegelung eines Wasserlochs ihre Hässlichkeit entdeckte, vor Wut einen Baum ausgerissen und nach ihrem Schöpfer geworfen – der Baum schlug mit der Krone wieder auf. Welche Legende man auch immer bevorzugt: Unter einem Affenbrotbaum ändern sich Relationen. Ein Haus, das höher ist, haben die Geschwister noch nie gesehen.

Einen Job hat Lucas Chauke nicht, er lebt bei seiner Mutter, die betreibt die Schulküche von Kranenburg. Lucas würde gerne als Maler und Lackierer arbeiten, sagt er, um etwas Geld nach Hause zu bringen. Seine Ausbildung endete mit der Grundschule. Dass es die überhaupt noch gibt, ist den Besitzern einer nahe gelegenen Wildfarm zu verdanken. Sie bessern das Dach aus und bezahlen das Schulessen. Bis vor wenigen Jahren gab es weder Toiletten noch fließendes Wasser in Kranenburg.

Lucas hüpft auf der Stelle, dann sprintet er los. Er grätscht einen gegnerischen Spieler um, schiebt den Ball Richtung Tor, lässt zwei weitere Gegner hinter sich und kickt den Ball mit dem Außenrist seines nackten rechten Fußes zwischen die beiden Steine. Lucas reißt die Arme in die Luft. „Laduuuuma“, ruft seine Schwester und springt vom Stamm auf. Wie ist eigentlich der Spielstand? Ums Gewinnen geht es hier nicht, bloß um die Schönheit eines Passes, die Flugkurve des Balls und das Kopfballtalent des Nachbarjungen Ennocente. Nur eines kann die Spieler ablenken: wenn ein Auto auf der R572 vorbeirauscht. Aber das passiert nicht so oft.Esther Kogelboom, Kranenburg

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