WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

Die Fernsehgebühren sind wieder bezahlt. Munkelt man jedenfalls. Auf jeden Fall sitzen die 30 Wissenschaftler in der Zeppelin Lounge diesmal vor dem Fernseher – und nicht vor dem Radio wie noch beim zweiten Gruppenspiel der Deutschen gegen Serbien, als die Mattscheibe schwarz geblieben war.

Wir befinden uns auf Spitzbergen in Ny Alesund, der nördlichsten Forschungsstation der Welt. Quasi einen Schneeballwurf vom Nordpol entfernt. Um diese Jahreszeit scheint hier 24 Stunden lang die Sonne, und trotzdem ist es kalt genug, um das Bier vor der Tür zu kühlen. In der Lounge, inmitten von Forschern aus der ganzen Welt, hat man einen wunderbaren Blick auf den Ankermast, an dem schon Roald Amundsen sein Flugboot festmachte, um anschließend mit dem Luftschiff „Norge“ als erster Mensch den Nordpol anzusteuern. 1925 war das. 85 Jahre später hocken seine Brüder und Schwestern im Geiste mit Dosenbier auf weichen Sofas und gucken ein Fußballspiel zwischen Deutschland und Ghana. Der arme Amundsen. Das hätte er im Leben nicht verstanden.

20.30 Uhr, in Südafrika genauso wie in Spitzbergen, Anpfiff im Soccer-City-Stadion. Vor die Tür will jetzt keiner mehr. Auch weil es nicht unwahrscheinlich ist, in dieser Gegend einem Eisbären zu begegnen. Auch am Tag droht Gefahr aus der Tierwelt – nicht von den gelegentlich durchs Dorf rauschenden Rentieren und Polarfüchsen. Die brütenden Küstenseeschwalben sind das Problem. Aus Angst um ihre Eier scheuchen sie uns mit waghalsigen Sturzflügen zurück in die Forschungsstation. Fußball also. Die Briten aus der Gruppe machen ihrem Ruf alle Ehre und haben schon merklich Vorsprung, was das Dosenbier betrifft. Schließlich haben sie ihr Spiel schon hinter sich. Das magere 1:0 gegen Slowenien hat fürs Achtelfinale gereicht. 1:0! Ein lächerliches Ergebnis. Die Wetten auf einen deutlich höheren Sieg der Deutschen werden fix angenommen. Dosenbier und Cider sei Dank.

90 Minuten später sind wir froh, dass Özil überhaupt ein Tor geschossen hat. Mit seinem Treffer in den Winkel hat der Gute dafür gesorgt, dass sich am Nordpol 30 Wissenschaftler in den Armen liegen und sich mit den schwarz-rot-goldenen Plastikblumenketten ineinander verknoten. Noch ein netter Nebeneffekt dieses entscheidenden Gruppenspiels: Erstmals seit Wochen hat die gesamte Forscherschar den Feierabend gemeinschaftlich vor Mitternacht erlebt. 24 Stunden Helligkeit lassen einen die Zeit im Alltag ziemlich schnell vergessen.

Noch ein Cider, noch ein Dosenbier aus dem Kühlschrank vor der Tür. Man freut sich nach Abpfiff schon auf Sonntag und ist gespannt, ob die Engländer, die eben noch so frank und frei den Alkohol am Nordpol teilten, auch dann noch so freundlich sein werden. Und man fragt sich, als auf Spitzbergen die letzten Lichter ausgehen, ob es wirklich Sinn machte, mit dem Stationsbus einen Autokorso zu veranstalten und hupend durch ein Dorf zu fahren, in dem sowieso nur 100 Menschen wohnen. Und ein paar Küstenseeschwalben natürlich. Schnell zurück in die Station.Duygu Sevgi Sevilgen

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