WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

Im Cocoa House stehen sechs Tische mit bunten Gummitischdecken, kein Stuhl gleicht dem anderen – und doch sitzt hier niemand. Das erste Tor ist gefallen, Kevin- Prince Boateng traf nicht nur für Ghana, und Ben Foxwell Owusu reißt die Arme in die Luft. Er schreit vor Freude, als wolle er bis zu seinen Landsleuten im Stadion Rustenberg durchdringen. Mit seinen blank polierten Lackschuhen steppt er über den klebrigen Fliesenboden, die Neonröhre an der Decke flackert schon verdächtig.

Wenn ghanaische Einwanderer in Johannesburg Heimweh haben, gehen sie in Owusus Cocoa House, ein Restaurant, dessen Küche dreimal so groß ist wie der Gastraum. Ein Eintopf aus Okra-Schoten blubbert auf dem Herd, Meeresgetier friert auf Eis, der Koch treibt seine Küchenhilfen an, er will wenigstens die zweite Halbzeit sehen. Das Restaurant liegt im Hinterhof eines heruntergekommenen Wohnhauses in der Rockey Street in Yeoville, einem Teil der alten Innenstadt. Kein Schild weist den Weg, Gäste gelangen über einen schmalen, dunklen Flur ins Cocoa House, wo Owusu sie so herzlich begrüßt, als seien sie lang verschollene Verwandte. Wer weiß, vielleicht sind sie das sogar.

Yeoville hat eine bewegte demografische Geschichte: 1990 lebten hier 85 Prozent Weiße, 1998 90 Prozent Schwarze, viele von ihnen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern. Owusu ist 1992 aus der ghanaischen Stadt Takoradi nach Yeoville gekommen. Er fand Arbeit als Bäcker, wenig später gründete er eine Familie und eröffnete das Restaurant. „Auf den Schultern unserer Mannschaft lastet die Hoffnung Afrikas“, sagt er, während sein Blick am Fernseher klebt, der in einer Zimmerecke hängt. „Wir sind eine Fußballnation, wir spielen mit Herzblut. Deswegen fürchten uns alle, sogar die Amerikaner.“ Die Ghanaer, glaubt er, halten im Ausland fest zusammen.

Ali Adam nickt. Der Modedesigner ist seit zwei Jahren in Johannesburg, studiert hat er in Kopenhagen, jetzt lebt und arbeitet er in Sandton, dem reichsten Quartier Südafrikas. Obwohl er sich ohne Weiteres jeden Abend ein Dinner in den schicken Restaurants der Stadt leisten könnte, bevorzugt er die einfache Küche seiner Heimat. „Das muss sein“, sagt er und nippt an seiner Cola. „Ich liebe mein Land.“

Halbzeit, alle stürmen auf die Rockey Street. Ohrenbetäubender House schallt aus dem Club nebenan, dem Times Square. Der nigerianische Türsteher macht den Weg frei, auch hier weht die ghanaische Flagge mit dem schwarzen Stern. Drinnen lehnt Michael Mebuge am Billardtisch und saugt am letzten Rest seiner Zigarre. Dem 120-Kilo-Mann gehört zwar der Laden, aber am aktuellen Spielstand kann er auch nichts ändern: Die Amerikaner haben ausgeglichen. 1:1. Seine Freundin legt den Billardstab zur Seite und zwickt ihm in die Wange. Reden kann man eigentlich nicht im Times Square, es ist zu laut, und vor die Tür kann man nicht, auf der Straße darf man nicht trinken. Angst vor der Polizei, die hier regelmäßig Razzien veranstaltet, haben hier alle. Mebuge ruft: „Alles wird gut!“ Und das wird es ja auch. Esther Kogelboom, Johannesburg

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