WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

Der Aachener Bernd Büttgens
Der Aachener Bernd Büttgens

Kaum ist das Spiel vorbei, beginnt in den Fernsehstudios und im Internet das große Rauschen. Sämtliche Spielszenen müssen zerlegt und in 3D-Technik zur Verfügung gestellt werden. Mittlerweile können einzelne Partien sogar live in drei Dimensionen verfolgt werden, zumindest die Nahaufnahmen. Fußball als Blockbuster im Stile von „Avatar“. Und Argentiniens Gabriel Heinze, der nicht nur die Kamera erbost wegschlägt, weil sie ihn, um eben diese Bilder zu ermöglichen, am Kopf getroffen hat, sondern den Zuschauer im ausgewählten Hightech-Kino persönlich attackiert. Wer soll das wollen?

Bernd Büttgens will es nicht. „Mich nervt das frontal“, sagt der Aachener und hat auf seinem Blog 7uhr15.ac deswegen kurzerhand die 1D-Analyse eingeführt (siehe großes Bild unten). Was genau genommen so auch nicht stimmt, denn zwei Raumebenen sind auch bei ihm noch übrig, wichtiger war ihm aber etwas anderes: die Reduzierung des Spiels auf das Wesentliche. In diesem Fall: Tore.

Eigentlich geht es im Blog des Lokalpatrioten um Aachen im Allgemeinen und die örtliche Alemannia im Speziellen. Während der Weltmeisterschaft geht es aber auch bei ihm hauptsächlich um die Spiele der Deutschen. Und so macht er sich nach jeder Partie, „nachdem ich ein bisschen runtergekommen bin“, mit den Buntstiften der Tochter daran, die entscheidende Szene zu skizzieren. Erst mit Bleistift, dann kommen die Farben: braun, blau und rot, alle anderen Stifte sind mittlerweile kaputt. „Ich muss dem Kind mal neue kaufen“, räumt Büttgens ein, der im nicht-virtuellen Leben als stellvertretender Chefredakteur der „Aachener Zeitung“ und der „Aachener Nachrichten“ arbeitet und den Blog ausschließlich als Hobby betreibt.

Auf die Idee zur 1D-Analyse kam er, weil ihm die immer neuen technischen Spielereien in der Nachberichterstattung zunehmend auf die Nerven gingen. „Das mag für Trainer interessant sein, wenn sie ihre Spieler damit ganz gezielt vorbereiten können“, sagt er, „aber jemand, der früher selbst einmal gekickt hat, braucht so was doch nicht, um das Spiel zu verstehen.“ Während die Experten des Fernsehens oft genug hilflos auf ihren Touchscreens rumhämmern und versuchen, der Technik Herr zu werden, erinnert Büttgens sich an seine aktive Zeit und die Taktiktafel in der Kabine. Wie seine Trainer damals, geht auch er die Sache an: ein paar Striche, ein paar Pfeile und, quasi seine eigene dritte Dimension, die Gedanken der Beteiligten. Nach einer Viertelstunde ist die Analyse fertig und wird ins Netz gestellt. Dort erfreut sie sich großer Beliebtheit, wie Büttgens an steigenden Klickzahlen und – im Netz selten genug – begeisterten Kommentaren ablesen kann. In der nächsten Saison soll die analoge Spieleinschätzung deshalb auch für die Partien Alemannia Aachens angeboten werden.

Die Zeichnung für das Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien hat Bernd Büttgens schon angelegt. Denn auch wenn er noch nicht weiß, wer den Treffer erzielt, ist er doch sicher, in welchem Tor der entscheidende Ball landen wird. „Im argentinischen, und zwar ohne Elfmeterschießen.“ Das wäre auch blöd zu zeichnen.Fabian Jonas

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