WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

Als am 16. Juni 1976 tausende von schwarzen High-School-Kids zum Orlando Stadium in Soweto wanderten, um gegen das Gesetz zu demonstrieren, das schwarze Schüler verpflichtete, in ihren Klassen Afrikaans zu lernen, war Alina Nkosi-Mlosthwa mit dabei. Es war ein frühes Aufbäumen gegen das Unrechtssystem der Apartheid. Die gewaltsame Niederschlagung des Protests schürte eine Aufbruchstimmung in der Bewegung der schwarzen Südafrikaner. Nicht nur in der Johannesburger Township, auch landesweit nahm der Widerstand gegen die Benachteiligungen zu.

Viele Menschen starben durch das brutale Vorgehen der Regierungsmilizen in diesen Tagen, die als „Soweto riots“ in die südafrikanische Geschichte eingingen. Der 16. Juni ist inzwischen ein landesweiter Gedenktag – der „Youth day“.

Heute führt Alina Nkosi-Mlosthwa Touristen durch das Apartheidmuseum in Johannesburg. Ihre Erinnerungen an die gewaltsame Niederschlagung der Aufstände in Soweto werden fast täglich aufgefrischt. Zum Beispiel, wenn sie die Filmaufnahmen und Bilder in der Dauerausstellung mit ihren Besuchern gemeinsam erlebt. Doch die Lehre, die sie aus dem Ereignissen gezogen hat, ist kein glühender Hass auf die Weißen, sondern das tiefe Gefühl von Vergebung. Südafrika könne nur zusammenwachsen, wenn die Menschen nach vorne und nicht zurück schauten, sagt sie.

Als die 52-Jährige letztens auf der Straße mit ihrer Enkelin eine weiße Frau sah, die ein schwarzes Kind an der Hand hatte, habe sie die Kleine gefragt, was die beiden unterscheide: „Die Frau ist groß, das Kind klein“, habe ihre Enkelin geantwortet.

Das sei die Botschaft, die sie mit ihren Museumsführungen den Menschen mit auf den Weg geben wolle: Miteinander, nicht gegeneinander.

Nkosi-Mlosthwa wohnt immer noch in Soweto. Nebenbei betreibt sie in ihrer Garage ein kleines Restaurant für regionale Spezialitäten. Neun Menschen konnte sie auf diese Weise Arbeit verschaffen. „Nur wenn alle mit anpacken, kann Südafrika ein besserer Ort zum Leben werden“, sagt sie. Deswegen sei es auch sehr wichtig, dass die FußballWeltmeisterschaft in Südafrika stattfinde. „Sport bringt die Menschen zusammen – das haben wir schon 1995 erlebt, als das ganze Land bei der Rugby-WM hinter den Springboks stand.“ Deshalb sei es so bedeutsam, dass nun auch der Fußball – der Sport der schwarzen Bevölkerung – im Zuge der WM so viele Jobs geschaffen habe. Arbeit für Schwarze und für Weiße.

Natürlich gebe es noch Rassismus, sagt Nkosi-Mlosthwa, aber schon vor 1994 sei längst nicht jeder Weiße ein Befürworter der Apartheid gewesen, so wie auch nicht jeder Schwarze ein guter Mensch gewesen sei. Wenn sie in den Shopping-Malls der Weißen einkauft, komme es hin und wieder vor, dass jemand sie im Vorbeigehen anremple.

„Ich gehe dann einfach weiter“, sagt Nkosi-Mlosthwa. „Menschen, die in der Vergangenheit leben, verdienen meine Aufmerksamkeit nicht.“ Tim Jürgens

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