WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

Matsch statt Match. Die Interessen von Vater und Kind passen nicht immer zusammen. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Matsch statt Match. Die Interessen von Vater und Kind passen nicht immer zusammen. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Weltmeisterschaft 2010 ist die siebte, die ich einigermaßen bewusst erlebe. Das Turnier 1986 in Mexiko könnte man auch weglassen. Da war ich acht, und die Erinnerungen daran sind vage. Ich weiß noch, dass ich mich damals, seit etwa zwei Jahren, idoltechnisch in einem ziemlich luftleeren Raum befand, weil mein Held Karl-Heinz Rummenigge 1984 zu Inter Mailand und damit aus meinem kindlichen Kosmos gewechselt war. Erst in Mexiko gelang es Lothar Matthäus mit seinem Freistoß im Achtelfinale gegen Marokko, diese Lücke zu schließen. Dann weiß ich noch, dass ich es schade fand, dass Briegel Burruchaga im Finale nicht eingeholt hat, wirklich schlimm war es aber damals noch nicht.

Auch das Turnier 2010 könnte man weglassen, zumindest alle Spiele, die ich bislang privat gesehen habe. Oder versucht habe zu sehen. Denn diese Weltmeisterschaft ist meine erste als Vater. Mathilda ist 21 Monate alt und interessiert sich für Bälle und für Füße. Für Fußball allerdings nicht so sehr. Zumindest ganz sicher nicht für neunzig Minuten oder mehr.

Zu Beginn dachte ich noch: „Schauen wir die Spiele einfach zu Hause.“ Ein naives Vorhaben. Das an die moderne Fernsehunterhaltung nicht gewöhnte Kind fand das flimmernde Gerät genau fünf Minuten interessant. Dann wollte es auf den Spielplatz. Schon die zweite Hälfte des Eröffnungsspiels deutete deswegen an, in welche Richtung die Reise gehen würde. Wir verbrachten sie mit einem Spaziergang durch Prenzlauer Berg, bei dem ich vor jeder Kneipe mit Fernseher versuchte, Zeit zu schinden wie normalerweise das Kind vor dem Schlafengehen. Ich köderte Mathilda mit Eis, sie wollte auf den Spielplatz. Ich stellte ihr Schokoladenkuchen in Aussicht, sie wollte auf den Spielplatz. Dort angekommen, wollte sie ihr Eis natürlich trotzdem, und ich schaute in keinen Fernseher, sondern in die langen Gesichter meiner Leidensgenossen.

Inzwischen haben wir eine Kneipe mit Spielplatzanschluss gefunden. Hilft nicht viel, weil man trotzdem mit in den Sandkasten und Kuchen backen muss, aber immerhin kann man mit einem Auge auf die Leinwand schauen, bekommt die Tore zumindest durch die Schreie der anderen Gäste mit und kann sich die Wiederholungen ansehen. An die WM 2010 werde ich mich wahrscheinlich immer nur in Zeitlupe erinnern.

Ein paar Randaspekten des Spiels kann Mathilda inzwischen auch etwas abgewinnen. Eben jene Jubelschreie findet sie genauso interessant wie kollektives Klatschen, wenn sie einen Sandkuchen besonders kraftvoll zum Einsturz gebracht hat. Und Superzeitlupen von stürzenden Kickern können sie geradezu begeistern, weil die Männer im Fernsehen noch öfter hinfallen als sie. Mitfühlen kann sie hingegen, wenn ein wirklich oder vermeintlich getroffener Spieler noch auf dem Platz um die letzte Ölung bittet. Ihr fachkundiger Kommentar zum mehrfach elend verendenden Arjen Robben im Viertelfinale gegen Brasilien: „Papa, der weint!“ Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte ich Robben auf den Arm nehmen und „Heile, heile Segen“ singen sollen.Fabian Jonas

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