WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

Was ist typisch deutsch? Die gemütliche Gaststätte „Die Kneipe“ im Johannesburger Stadteil Kensington definitiv nicht. In dem „German Pub“, so die offizielle Bezeichnung der Lokalität, die einheimische Besucher der Unterzeile des Türschilds entnehmen können, ist alles nur so ungefähr deutsch: Die Currysoße auf der Wurst schimmert nicht tomatig rot, sondern beige wie das Gewürz. Die Besitzerin Madeleine Fuchs stammt nicht aus Deutschland, sondern aus der Schweiz – „Die Kneipe“ hat sie vor acht Jahren von einer Deutschen übernommen. Und die Gäste in den Trikots der Nationalelf, die das WM-Viertelfinale zwischen Argentinien und der DFB-Auswahl live verfolgen, stammen allesamt aus Südafrika. Die meisten halten auch noch zu den Argentiniern. Einer der Besucher hat auch irgendetwas falsch verstanden und anlässlich des Spiels ein aus seiner Sicht besonders „deutsches“ Kostüm angezogen: Er trägt einen Stahlhelm, ein Hitlerbärtchen und eine Nickelbrille ohne Gläser. Seine wenig erhellende Erklärung: „So eine Brille hat Hitler in dem Tom-Cruise-Film ,Operation Walküre’ getragen.“ Was nicht passt, wird passend gemacht. Willkommen in Südafrika.

An einem der Tische sitzt Ex-Bundesliga-Profi Thomas Cichon mit seinem Teamkollegen Shaun Haschick. Cichon hat in Johannesburg ein neues Zuhause gefunden. Seit gut einem Jahr spielt er bei den Moroka Swallows, einem Erstligaklub aus Soweto. Ab und an kommt Cichon auf einen Sprung in „Die Kneipe“, es ist immer ein Abstecher in die alte Heimat. Denn hier gibt es immerhin Kassler, Eisbein und ein frischgezapftes Pils. Sieben Jahre spielte Cichon für den 1. FC Köln in der Bundesliga. Zuletzt war er in die Schlagzeilen geraten, weil er zu Unrecht verdächtigt wurde, in der Zweiten Liga an Spielmanipulationen beteiligt gewesen zu sein. Die schlimme Zeit falscher Verdächtigungen liegt nun hinter ihm. In Johannesburg erlebt Cichon seinen dritten Frühling als Profi.

In den Tagen der WM ist der 33-Jährige ein gern gesehener Experte in den regionalen Medien, für die er das deutsche Spiel zu erklären versucht.

Während er, nun als Privatmann und mit einem Bier in der Hand, dem Löw-Team auf dem Bildschirm zusieht, ruft er seinem alten Kumpel Lukas Podolski hin und wieder einen Ratschlag zu. Doch an diesem Tag gibt es nicht viel zu mäkeln. Daran hat Cichon auch keinen Zweifel gehabt. Erst gestern hat er live im Radio ein 3:1 für Deutschland getippt. Als Arne Friedrich kurz darauf den dritten Treffer erzielt, lacht Cichon mit einer Portion Galgenhumor: „Hoffentlich treffen jetzt nicht die Argentinier, sonst verhaften die mich beim nächsten Besuch in Deutschland direkt am Flughafen.“

Kurz darauf erzielt Miroslav Klose das 4:0. Cichon witzelt noch „Gott sei Dank, mein Tipp war falsch“, da stößt sein Gegenüber beim Jubeln das vor ihm stehende Bier um. Cichon kriegt den Inhalt des Glases komplett über die Hose. Doch er klatscht nur gut gelaunt mit seinem Teamkollegen Haschick ab und sagt: „Shaun, Wednesday only a short training session. We have to go to Durban.“ Tim Jürgens

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