WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

Nach der brasilianischen 1:2-Niederlage gegen die Niederlande waren die Menschen in Haiti noch am Boden zerstört. Tränen und betretenes Schweigen. Brasilianischer Fußball ist in diesem Land das Größte. Nur, weil die Haitianer die brasilianischen Fußballer lieben, werden die brasilianischen MINUSTAH-Soldaten im Lande gern gelitten, was man von anderen Kontingenten dieser UN-Schutztruppe nicht behaupten kann.

Seit Wochen sind ganze Straßenzüge in der Hauptstadt Port-au-Prince mit den brasilianischen Farben geschmückt. Zwischen den Ruinen hängen Girlanden aus gelben und grünen Plastikflaschen, aus dem Müll herausgesucht. Nach jedem Brasilienspiel sind die Straßen stundenlang unpassierbar. Karnevalsstimmung, Hunderttausende auf der Straße. Die Regierung hat die Rechte für alle WM-Übertragungen gekauft und gratis an sämtliche Fernsehkanäle weitergegeben. Keine andere Entscheidung, die Präsident René Préval seit der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar getroffen hat, war so populär wie diese. Überall in den Lagern und Zeltstädten wurden Großleinwände installiert. Die Rechnung ging auf: Während der Fußball-Weltmeisterschaft hörten die täglichen Demonstrationen gegen Préval und seine Regierung schlagartig auf.

Die Menschen in Haiti, dessen eigenes Nationalteam 1974 zum letzten Mal bei einer WM dabei war, und wo es derzeit in der Hauptstadtregion keinen einzigen bespielbaren Fußballplatz gibt, weil jede freie Fläche mit Notunterkünften bedeckt ist, fiebern sich in Fußballekstase. Wer behauptet, Fußball sei Opium fürs Volk, irrt. In Haiti ist Fußball Therapie. Zum ersten Mal seit Januar haben die Menschen wieder Spaß. Fußball als Katharsis. Und dann verliert Brasilien – ein schwerer Schlag. Doch die Trauer dauert nur eine Nacht. Am Samstagmorgen wachen die allermeisten Brasilienfans als Freunde der deutschen Nationalmannschaft auf: Denn eines mögen sie nun wirklich nicht: Dass Zehntausende Argentinien-Anhänger (denn die gibt es auch) stundenlang den Sieg der Holländer gefeiert haben.

Der Tag der Rache ließ nicht lange auf sich warten: Deutschland gegen Argentinien, der Klassiker! Ganz Impasse Terrasse drängt sich um die Fernsehgeräte, die in den engen Gässchen aufgestellt werden. Der Strom kommt aus Autobatterien, die sorgfältig aufgeladen wurden, damit er wirklich für 90 Minuten und eventuell Verlängerung und Elfmeterschießen reicht. Public Viewing in Ruinen. Bei Müllers erstem Tor brechen Jubelstürme los. Frauen rennen aus den Häusern, fallen sich um den Hals. Impasse Terrasse brüllt für Deutschland: Müller, Müller, Müller! Der Wahnsinn geht weiter – Klose, Friedrich, Klose. Bei jedem argentinischen Angriff halten sich die Leute die Hände vor die Augen. Bloß kein Tor für Maradona. Den mögen sie hier nicht. Ein mutiger Argentinienfan versucht mit seiner Schubkarre, durch die Menschenmenge zu kommen. Weil er aus seinem Ärger über den Spielverlauf keinen Hehl macht, bekommt er von den Deutschlandfans die gelbe Karte gezeigt: „Siehst du, so geht es den Schadenfrohen!“ Antonie Hutter, Jürgen Schübelin

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben