WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

„Herzlich willkommen“, ertönt eine etwas übersteuerte Stimme aus den Boxen. „Im Halbfinale der WM treten heute an: die lustigen Oranjes aus Holland gegen die Fußballbeamten aus Uruguay!“ Wir sind beim Public Viewing im Garten des „Mauersegler“, einem Biergarten am Rand des Berliner Mauerparks. Die Stimmen, die das Spiel für die rund 50 Besucher begleiten, gehören nicht Bela Rethy, Marcel Reif oder Jürgen Klinsmann, sondern Sven-Ole Knuth, Waldi Forkefeld und Felix Ney. Zusammen mit dem Mann für besondere Aufgaben Mirco Dziekanski sind sie das „WM-Studio Mitte“.

Seit 2002 kommentieren sie Fußballspiele – und heben sich mit ihren launigen, ironischen und bissigen Statements angenehm von der breiten öffentlich-rechtlichen und privaten Kommentatorenmasse ab.

In der Alternativ-Reportage Marke Mitte wird der usbekische Linienrichter zum „Bürgerkriegsflüchtling mit der Fahne in der Hand“, der gesperrte Uruguayer Luis Suarez zum Doppelgänger von Roy Makaay und der entfesselt jubelnde holländische Kronprinz auf der Tribüne konsequent zu „Angie“.

„Fußballkommentator wollte ich schon mein ganzes Leben lang werden“, sagt Sven-Ole Knuth. Schon in den Neunzigern hätte er mit seinen heutigen Mitstreitern vor dem TV versucht, die nächsten Worte des Reporters im Stadion zu erahnen. „Wer einige Sekunden vorher genau das Gleiche gesagt hat, war der König“, sagt Knuth.

Ab der WM in Japan und Südkorea machten es die drei dann einfach selbst. „Damals gab es noch die Ton-Option Stadionatmosphäre“, erinnert sich Knuth. Ihre Kommentare konnten sie einfach drübersprechen. Nun ist das anders. „Die WM-Tonspur haben wir uns aus Schnipseln des Deutschland-Bosnien-Spiels zusammengebastelt“, erläutert Knuth. Was den Vorteil hat, dass das Vuvuzela-Getöse bei den „WM-Studio Mitte“-Übertragungen in erfreulichem Piano erklingt. Und den Nachteil, dass das Mikro-Trio die Pfiffe des Schiedsrichters nicht hört. Doch in solchen Fällen wird improvisiert, „Abseits!“, „Tor!“, „Abseits!“, duellieren sich die Stimmen nach dem 2:1 von Wesley Sneijder – bis die Bilder endlich Klarheit liefern. Das trägt nur zum Underground-Charme der Veranstaltung bei.

Auch gänzlich Unvorhergesehenes bringt die wortgewandte Troika nicht aus dem Konzept – so wie bei Forlans Ausgleich aus dem Nichts. „Und das Drehbuch der Fifa schlägt knallhart zu“, lautet der umgehende Kommentar. Besonders schön wird es, wenn die drei zum etatmäßigen Kommentator Oliver Schmidt nach Südafrika „schalten“. Für einige Sekunden regeln sie dann ihre eigenen Mikros herunter und ziehen den Originalfernsehton hoch. Es ist ein bewusst gesetzter Kontrapunkt. In diesen Momenten wird klar, was das Fußballerlebnis mit dem „WM-Studio Mitte“ im Kern ausmacht. Die Statements von ZDF-Mann Schmidt sind glatter, langweiliger und vor allem unlustiger. Mit den Stimmen von Knuth, Forkefeld und Ney wird jedoch selbst eine Partie wie Holland gegen Uruguay, in weiten Teilen ein vorhersehbarer und wenig entrückender Kick, zum Genuss.Johannes Ehrmann

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