WM Nebenschauplatz : WM Nebenschauplatz

Die WM ist vorbei, doch der Fußball in Südafrika lebt. Fernab der schillernden Fifa-Zonen rund um die Turnierstadien, vor allem dort, wo er in Südafrika seit jeher gespielt wurde: in den Vierteln der Schwarzen. Zum Beispiel im Johannesburger Stadtteil Hillbrow.

Lange galt der Bezirk als unbewohnbar. Drogen, Gewalt und Prostitution bestimmten das Straßenbild. Frauen wurden am hellichten Tag überfallen und vergewaltigt. Doch es tut sich etwas. Die Hauseigentümer rund um den Ekhaya Park bemühen sich in Zusammenarbeit mit den Kirchen und der Hilfsinitiative „Youth Development Football“ darum, den Kindern und Jugendlichen in der Nachbarschaft neue Perspektiven aufzuzeigen. In einer Baulücke an der Claim Street haben sie einen Bolzplatz errichtet. An zwei Nachmittagen in der Woche empfängt nun Trainer Timothy Rees-Gibbs rund dreißig Kinder zum Fußballtraining zwischen den Wolkenkratzern. Er sagt: „Fußball ist keine Wunderwaffe, aber er hilft.“

Viele der Kinder, die zum Training kommen, sind Halb- oder Vollwaisen. Ihre Eltern sind an Aids gestorben, jeder fünfte Südafrikaner im Alter zwischen 25 und 30 Jahren trägt den HIV-Virus in sich. Hier sollen sie von Timothy Rees-Gibbs Werte vermittelt bekommen, die ihnen im Leben Orientierung geben. Der 24-Jährige übernimmt Vorbildfunktion für die Straßenkinder, vermittelt Werte wie Gleichheit, Fairness und die Fähigkeit, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen.

Auch für den Coach ist der Job eine Resozialisierungmaßnahme. Er lebt seit vielen Jahren ohne Eltern in Hillbrow, kennt die Gefahren des Lebens hier seit Kindesbeinen. Noch dazu ist er weiß in einem Stadtteil, in dem fast nur Schwarze leben. „Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht, ich kenne es nicht anders.“ Der Fußball war seine Rettung. Rees-Gibbs hat keinen Schulabschluss, keine Ausbildung, lange war er arbeitslos. Der Job als Trainer habe ihn mit viel Selbstbewusstsein ausgestattet: „Das Leben mit Sport macht einfach Spaß.“

Die Weltmeisterschaft hat er natürlich auch im Fernsehen verfolgt, aber es sei kein Problem, dass die Bafana Bafana schon so früh ausgeschieden sei. „Beim Fußball geht es doch nicht ums gewinnen, sondern darum, etwas gemeinsam zu tun“, sagt Rees-Gibbs. Insofern sei es gut, dass die Welt nach Südafrika gekommen sei, um dort ein Fußballfest zu feiern. „Die WM hat uns auf die Landkarte gesetzt. Ihr wisst jetzt, dass es uns gibt. Und wir wissen, wie ihr seid“, sagt der Coach. Im Verlaufe des Turniers seien zu jedem Training immer mehr Kinder gekommen, der Fußball habe sie mobilisiert. „Und solange sie hierher kommen, stellen sie nichts Dummes an“, sagt Rees-Gibbs.

Das Fifa-Motto der WM lautete: „Es wird Zeit, Afrikas Menschlichkeit zu feiern.“ Auf einem kleinen Kunstrasenplatz im Scherbenviertel Hillbrow ist dieser Wunsch Wirklichkeit geworden.Tim Jürgens

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