WM-Quali : Aufregung von vorn bis hinten

Während Stürmer Miroslav Klose wieder trifft, ringt die deutsche Abwehr um Stabilität

Sven Goldmann[Helsinki]

Spät am Abend, als das Spiel gespielt und das Drama überstanden war, stellte Joachim Löw seine Ohren auf Durchzug. Neben ihm saß ein Dolmetscher, der übersetzte, was der Bundestrainer so zu sagen hatte nach dem 3:3 in der WM-Qualifikation zwischen Deutschland und Finnland. Löw drehte ihm, so vorsichtig und höflich es eben möglich war, den Rücken zu. Ein paar Meter weiter stand ein Fernseher. Der Ton war ausgeschaltet, aber auf dem Monitor liefen in Endlosschleife die Tore dieses bewegenden Abends. Löw schürzte anerkennend die Lippen und nickte beifällig. Ja, so ist Fußball, aufregend und offen bis zum Schluss, und wenn es für die eigene Mannschaft noch zu einem halbwegs zufriedenstellenden Ergebnis reicht – umso besser.

Aber was heißt schon halbwegs zufriedenstellend? Löw schwärmte von „einem klasse Fußballspiel“, von „zwei Mannschaften, die beide volle Offensive gegangen sind“, von „der unglaublichen Wucht der Finnen“ und „der tollen Moral meiner Mannschaft“, die dreimal einen Rückstand egalisiert hatte. Finnlands Trainer Stuart Baxter kleidete das dreifache Comeback der Deutschen in einen schönen Satz: „Die haben noch einmal den Motor angeworfen, und dieser Motor war eine Dampfmaschine.“ Nachdem der Dampf sich verzogen hatte aus dem Olympiastadion von Helsinki, war der Blick frei für ein Spiel, wie es die deutsche Nationalmannschaft lange nicht mehr gespielt hat. Freie Sicht auf einen Torjäger, der wieder Tore schießt. Aber auch auf eine Abwehr, die sich mit dem Abwehren ziemlich schwer tat. Wie das denn weitergehen solle mit der Defensive, wurde der Bundestrainer gefragt, und der drehte den Kopf weg vom Fernseher und antwortete: „Entschuldigung, aber ich habe mir gerade unsere Tore angeguckt.“

Der Ästhet Löw hatte keine Lust, die Ursachenforschung nach einem so aufregenden Fußballabend allein mit der Fehleranalyse zu bestreiten. Kein Wort darüber, dass es mit den diesmal verletzt fehlenden Strategen Michael Ballack und Torsten Frings wohl anders gelaufen wäre. Dass die Innenverteidigung Mertesacker/Metzelder vielleicht doch nicht so schlecht ist, wie sie bei der EM im vergangenen Sommer immer hingestellt wurde. Hatte doch eh jeder gesehen, dass die in Helsinki getestete Alternative in Serdar Tasci und Heiko Westermann nicht ganz auf der Höhe war. „Drei Gegentore sind zu viel“, befand Westermann selbstkritisch, er hatte ja auch bei allen dreien schlecht ausgesehen. Es war sein sechstes Länderspiel, Tasci kommt auf gerade drei, wer wollte ihm in dieser Situation schon die Rolle des Stabilisators abverlangen? Löw urteilte milde, „dass wir an der Abstimmung schon noch arbeiten müssen“. Aber er sehe für beide sehr gute Perspektiven, „und natürlich habe ich absolutes Vertrauen in sie“. Vertrauen war ein wichtiges Stichwort.

„Vertrauen zahlt sich immer aus!“ Mehr musste er nicht sagen zu Miroslav Klose, dem Helden von Helsinki. Löw hatte der Versuchung widerstanden, den zuletzt so glücklosen Münchner auf die Bank zu setzen. Er wisse um das Potenzial seines besten Stürmers. Klose bestätigte ihn, wie es eindrucksvoller kaum möglich war. Eine halbe Stunde und eine vergebene Großchance brauchte er, um zurück zu alter Klasse zu finden. Dann war er wieder da. Klose lief und schoss und dribbelte so selbstsicher, als hätte es Spiele wie das gegen Liechtenstein nie gegeben.

Kloses Erfolgsgeheimnis ist, dass er auch an guten Tagen kaum zu sehen und erst recht nicht zu greifen ist. „Heutzutage verlangen die Leute von einem Stürmer nun mal, dass er so attraktiv spielt wie Lionel Messi“, sagte Finnlands Trainer Baxter. „Aber ich kenne kaum einen, der so unangenehm für eine Abwehr ist wie Klose.“ Perfekt sein Timing beim 1:1 – Ballannahme, Drehung um Finnlands Kapitän Hyypiä, Antritt und Schuss, alles eine einzige, ineinanderfließende Bewegung. Bemerkenswert sein Reaktionsvermögen beim 2:2, als er erst per Kopf am finnischen Torhüter scheiterte und den Abpraller trocken über die Linie drückte. Intuitiv sein Stellungsspiel beim 3:3, als die mitstürmenden Kollegen Patrick Helmes und Mario Gomez die Chance schon zweimal vergeben hatten.

„Dreimal zurückzukommen, das zeigt eine hohe Moral“, befand Torhüter Robert Enke. Aber ist ein 3:3 in der nordeuropäischen Abgeschiedenheit nicht zu wenig für eine ambitionierte Mannschaft wie die deutsche? Auch davon wollte der Bundestrainer nichts wissen. „.Portugal und Polen haben hier in der EM-Qualifikation nicht gewonnen“, sagte Joachim Löw und dass er den Finnen sehr wohl zutraue, auch gegen den Gruppen-Mitfavoriten Russland ein Resultat zu erzielen, das seiner Mannschaft weiterhilft auf dem Weg zur WM 2010 nach Südafrika. Am 15. Oktober müssen die Russen gegen Finnland antreten, vier Tage nach einem auch nicht ganz uninteressanten Spiel: dem in Dortmund gegen Deutschland.

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