WM-Qualifikation : Deutschland zittert sich zum Sieg gegen Russland

Die Nationalelf hat einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur WM 2010 gemacht. Deutschland gewann das Spiel gegen den wohl stärksten Gruppengegner Russland 2:1.

Michael Rosentritt[Dortm]
Nationalmannschaft
Fein gemacht. Ballack und Hitzlsperger freuen sich über Podolskis Tor.Foto: ddp

Nach neun Minuten war es wieder da, dieses Dortmund-Gefühl. In diesem Stadion hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wichtige Siege gefeiert, und gestern Abend ist mit dem in der ersten Halbzeit sehr überzeugenden, am Ende aber glücklichen 2:1 (2:0) gegen Russland in der WM-Qualifikation ein weiterer hinzu gekommen, dank dem Deutschland nun alleine die Gruppe 4 anführt. Bei fast jedem ihrer Angriffe trieben die 65 607 Zuschauer die Mannschaft von Bundestrainer Jochim Löw nach vorne, und es waren viele sehr ansehnliche Angriffe, die dem deutschen Team gestern gelangen.

Erst einmal hatten die Deutschen ein Länderspiel in Dortmund verloren, im Sommer 2006, das WM-Halbfinale gegen Italien. Gleich zu Beginn sah es gestern so aus, als ob eine weitere Niederlage gegen die spätestens seit der Europameisterschaft als stark eingeschätzten Russen möglich wäre. Schon nach vier Minuten hatten die von dem Holländer Guus Hiddink trainierten Russen eine große Torchance, die Pawel Pogrebnjak nach einer Flanke von Juri Schirkow aber frei vor dem Tor stehend vergab, weil er den Ball nicht richtig traf.

Podolski trifft, Deutschland kontrolliert

Doch fünf Minuten später war in Dortmund wieder alles so, wie es 2006 beim Sieg im WM-Gruppenspiel gegen Polen oder 2001 gewesen war, als sich die deutsche Mannschaft in den Play-offs gegen die Ukraine für die WM 2002 qualifizierte. Lukas Podolski ließ einen Pass von Miroslav Klose an sich vorbei laufen, drehte sich um den steifen Verteidiger Wassili Beresuzki herum in den Sechzehnmeterraum und vollendete problemlos zum 1:0. In den folgenden Minuten gewannen die Deutschen immer mehr die Kontrolle über das Spiel – aber nicht über Juri Schirkow. Dem offensiven linken Verteidiger gelangen noch mehrere gefährliche Flanken, die aber folgenlos blieben.

Auf der anderen Seite kombinierten die Deutschen immer öfter sehr schnell nach vorne, häufig nur mit einem Ballkontakt. Sie spielten sehr schnell nach vorne und so, wie man eigentlich die Russen erwartet hatte. Die schienen von der deutschen Spielweise überrascht und gerieten immer mehr in die Defensive. Einer der zahlreichen deutschen Angriffe führte nach 28 Minuten zum 2:0. Der Torschütze war Michael Ballack, aber eigentlich gehört dieser Treffer zu 80 Prozent Bastian Schweinsteiger, der im Strafraum die Übersicht behielt und mit links Ballack bediente, der den Ball nur noch ins Tor drücken musste. Der Kapitän legte beim Jubeln seinen Finger auf die Lippen – wohl eine Antwort auf die Kritik, die in der letzten Zeit an ihm aufgekommen war. „Ich muss niemandem mehr etwas beweisen“, sagte er nach dem Spiel.

Hitzlsperger überraschend für Frings

Auch nach dem Spiel dominierte seine Mannschaft weiter. In der Defensive war sie in den Zweikämpfen sehr präsent und bissig, und nach fast jedem Ballgewinn erspielte sie sich in dieser Phase eine Torchance. Doch Heiko Westermann und zweimal Podolski vergaben nacheinander aus guter Position nach teilweise glänzenden Kombinationen. Im deutschen Mittelfeld spielte etwas überraschend Thomas Hitzlsperger für Torsten Frings. Joachim Löw hatte in der vergangenen Woche angekündigt, dass es keine Stammplätze mehr gebe und das Leistungsprinzip zähle. Mit der Aufstellung von Hitzlsperger, der nicht besonders auffiel, verlieh er diesen Äußerungen Nachdruck. In Ballack, Per Mertesacker und Arne Friedrich kehrten drei Spieler zurück, die in den vergangenen drei Spielen nicht dabei gewesen waren. Das letzte davon endete in Finnland nur 3:3, und es war der deutschen Mannschaft anzumerken, dass sie dieses Ergebnis wohl mehr gewurmt hat, als sie danach zugegeben hatte.

Zur Halbzeit also führte eine deutsche Mannschaft 2:0, die bis dahin eine der besten Leistungen unter Bundestrainer Löw gezeigt hatte. In der Pause allerdings schienen die Russen ihre Überraschung verarbeitet zu haben, denn schon in der 52. Minute gelang ihnen der Anschlusstreffer. Nachdem Philipp Lahm ein gefährlicher Pass von Westermann am eigenen Strafraum versprungen war, schoss Alexander Anjukow durch die Beine von René Adler, und Andrej Arschawin verwandelte zum 1:2.

Unsicherheiten in der Innenverteidigung

Waren die Russen in der ersten Halbzeit noch vor allem über Schirkow und ihre linke Seite gefährlich, geriet jetzt immer öfter auch Lahm auf der anderen Flanke unter Druck. Bei einigen Unsicherheiten auch in der deutschen Innenverteidigung hatten die Russen Möglichkeiten. Beinahe wäre Piotr Trochowski das inzwischen überraschende 3:1 gelungen, als er mit einem Weitschuss nach einer Stunde die Latte traf.

Doch wahrscheinlicher erschien der Ausgleichstreffer. Die deutsche Mannschaft hatte das Spiel aus der Hand gegeben, als sie dem Irrtum erlegen war, dass sie gegen die Russen nicht 90 Minuten lang all ihre Kräfte aufbieten muss, um zu bestehen. Die Russen, die nun offensiver spielten und Überzahl im Mittelfeld hatten, kamen zu sehr guten Chance. Zehn Minuten vor dem Ende zielte Arschawin ganz knapp am Tor vorbei, Alan Dsagojew traf kurz darauf nur den Pfosten, als in der deutschen Abwehr einmal mehr Konfusion herrschte. Am Ende reichte es für die Deutschen zum Sieg in einem Spiel, in dem sie 45 Minuten lang vor allem in der Offensive geglänzt hatten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben