Sport : WM-Qualifikation: Die Kinder von Billerbeck

Hartmut Scherzer

Kurvenreich geht es zu, wenn man in diesen Tagen Deutschlands beste Fußballer besuchen will. In der "Toskana des Münsterlandes" hat sich die Nationalmannschaft einquartiert. Genauer gesagt in Billerbeck, der "Perle der Baumberge". Was von der Touristeninformation allzu grandios angepriesen wird, sollte für die Herren Profis nicht mehr als ein Ort der Ruhe und Abgeschiedenheit sein. Morgen absolvieren sie in der Gelsenkirchener Arena Auf Schalke ihr letztes WM-Qualifikationsspiel gegen Finnland - da bleibt nur bedingt Zeit für solch profane Aufgaben wie Öffentlichkeitsarbeit.

Nachdem die Profis in der Vergangenheit bei für jedermann zugänglichen Trainingseinheiten schon mal in der Masse versanken und nicht zur Körperertüchtigung kamen, glaubte der Deutsche Fußball-Bund die Konsequenzen aus diesen Chaos-Tagen gezogen zu haben. In der Möchtegern-Toskana sollten die Fans außen vor bleiben, nur gestern fand ein offiziell als öffentlich deklariertes Training im Schalker Stadion statt. Doch die geheimen Einheiten waren nie geheim, selbst eine solche Kinderei wie ein kurzfristiger Sportplatz-Wechsel brachte am Mittwoch keinen Erfolg. Vierstellig war die Zuschauerzahl zum Leidwesen des DFB immer.

Der ungewollt intensive Kontakt zur Basis wird freilich nicht entscheidend gewesen sein, sollte es letztlich nicht zur direkten Qualifikation zur WM im kommenden Jahr reichen. Nach der 1:5-Blamage gegen England kann sich Deutschland nur mit fremder Hilfe ohne Umweg qualifizieren: nur wenn die von Otto Rehhagel gecoachten Griechen bei den Briten mindestens einen Punkt holen. Rehhagel aber hat schon wenige Wochen nach Dienstantritt wegen seines Führungsstils Stress mit den Griechen - nicht gerade optimale Voraussetzungen.

Rudi Völler hingegen hat die Abreibung durch die Engländer fünf Wochen später noch nicht vergessen. Vor allem will er sie nicht rundum akzeptieren. "Die Engländer waren nicht vier Tore besser, das ist nicht die Wahrheit", beschwörte er dieser Tage und zog eine Grimasse, die jeder Comic-Figur zu Ehren gereicht hätte. Wären seine Vorgänger Vogts und Ribbeck mit ähnlichen Weisen dahergekommen, man hätte ihnen schnell Uneinsichtigkeit vorgeworfen. Bei Völler ist alles anders: Er ist schlicht und ergreifend der Dem-kann-man-nicht-böse-sein-Typ. Der Betroffene weiß das, und alle anderen auch. DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder erinnerte vor dem Finnlandspiel noch einmal daran, dass man auch im Falle des Scheiterns in der WM-Qualifikation mit Völler und seinem Assistenten Skibbe eine vertragliche Verlängerung anstrebe. Er weiß, dass die Alternativen rar gesät sind und mit Blick auf die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land jedwede Trainersuche mit möglicherweise kabarettistischen Zügen zu unterlassen ist. Dieses unfreiwillige Unterhaltungsprogramm hatte der DFB schließlich schon mal nach der EM 2000.

So hoffen alle, dass Völler nicht nur weitermacht, sondern auch irgendwie die Tickets für die Dienstreise nach Japan und Südkorea an Land zieht. Sollte es morgen nicht reichen, müsste das Team in der Relegation am 10. und 14. November gegen die Ukraine oder Weißrussland nachsitzen. Daran mochte Völler in dieser Woche gar nicht denken. Wie ihm auch jeglicher taktischer Diskurs nicht geheuer ist. "Dreier- oder Viererkette, mit oder ohne Libero: man kann viel diskutieren, wichtig aber ist, dass wir die Zweikämpfe gewinnen", sagt Völler.

Dann wird ja alles gut. Trotz der Verletztenmisere; trotz des dünnen Angebots vor allem im Sturm, in dem der lange verschmähte Oliver Bierhoff zum Einsatz kommt. Und trotz des knapp bemessenen Selbstbewusstseins nach der unvergesslichen 1:5-Nacht von München. Ulf Kirsten, über dessen Comeback Tag für Tag aufs Neue diskutiert wurde, dürfte es jedenfalls recht sein, dass ihm eine Nachnominierung auf seine alten Tage erspart geblieben ist. Schließlich ist die Nationalmannschaft nicht mehr jener Quell der Freude, die sie einst vielleicht mal war. Sie wird kritisiert, und die kritisierten Protagonisten jammern ob dieser Majestätsbeleidigung.

Der Dortmunder Verteidiger Christian Wörns war zuletzt das beste Beispiel. Alle waren böse zu ihm, schon drohte er mit seinem Abschied aus der DFB-Elf. Heulen auf höchstem Niveau, und doch wurde er zum Weitermachen überredet. Vielleicht würde es allen Beteiligten helfen, wenn sie heute Abend in die Alte Landwirtschaftsschule in Billerbeck gehen würden. In diesem schmucken Gebäude, in dem Völler & Co. in dieser Woche zur täglichen Pressekonferenz aufliefen, gastiert heute die Red House Blues Band. Ihr Programm heißt schlicht "Makes you feel good". Könnte die Nationalmannschaft ja aufbauen.

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