Sport : WM-Qualifikation: Du musst gewinnen - und fertig

Das Warten auf den Ernstfall wird zur Nervenprobe: Auch zwei Tage vor dem Start in die WM-Qualifikation war die deutsche Fußballnationalmannschaft noch immer mehr mit sich selbst als mit dem Gegner Griechenland beschäftigt. Teamchef Rudi Völler verwarf am Donnerstag die ursprüngliche Planung der sportlichen Leitung, die Spieler über den weitgehend unbekannten Kontrahenten am Samstag (19.00 Uhr/ARD live) im Volksparkstadion zu informieren. Stattdessen führte er sein Personal zum gemeinsamen Essen in ein italienisches Restaurant aus, um die zarten Ansätze eines neu geweckten Teamgeistes weiter zu fördern. "Die Mannschaft zieht toll mit. Es ist absolut in Ordnung, welche Spielfreude sie zeigt", resümierte Völler überaus zufrieden.

Für die Spieler war die Einladung nach drei Tagen in einem quarantäne-ähnlichen Zustand im abgeriegelten und allein für den DFB-Tross reservierten Quartier in Reinbek eine willkommene Abwechslung. "Die Tage dienten, um eine Mannschaft zu finden, zusammen zu wachsen, über die EM zu sprechen", sagte Torjäger Carsten Jancker und verdeutlichte, dass auch die zweite Zusammenkunft unter neuer Führung noch ganz der Aufarbeitung des EM-Desasters diente: "Keiner kann im Moment irgendwie sagen, wo wir stehen. Das wissen wir erst am Samstag."

Angesichts des derzeitigen Ausnahmezustandes in der DFB-Auswahl akzeptierten die Berufenen klaglos die ungewohnt lange Vorbereitungszeit. "Die Tatsache, dass wir uns bereits fünf Tage vor dem Spiel getroffen haben, zeigt ja, wie wichtig wir die Sache nehmen. In der momentanen Situation kann man diese fünf Tage im Hotel verschmerzen", sagte Mehmet Scholl. Der 29-Jährige, vor dem 4:1 gegen Spanien noch ausgesprochen skeptisch, hat sich inzwischen ebenfalls von dem breiten Optimismus im DFB-Lager anstecken lassen. "Der Trainer hat es geschafft, dass alle Spieler einen Schub bekommen haben. Diesen Schub müssen wir nutzen", sagte Scholl und lobte den neuen Teamchef in den höchsten Tönen. Aus dem Auftakt in Hannover "sollten wir sehr viel Selbstvertrauen mitnehmen für das Spiel gegen die Griechen".

Ganz sicher zählt Scholl am Samstag erneut zur ersten Wahl, vermutlich wird Völler der kompletten Startformation von Hannover erneut das Vertrauen schenken. "Man muss kein Experte sein, um zu sagen, dass die gegen Spanien siegreiche Mannschaft zum großen Teil wieder auflaufen wird", teilte der Coach verklausuliert mit, verweigerte aber weitere Stellungnahmen zu Personalfragen: "Warum sollte ich schon irgendwelche Namen nennen und den Griechen damit Vorteile geben? Die sollen sich ihre Gedanken machen."

Beim Training am Donnerstagvormittag hatte der Teamchef erstmals alle 22 Spieler um sich versammelt, wenngleich nicht für lange Dauer. Der Leverkusener Carsten Ramelow brach die Übungseinheit wegen einer Wirbelblockierung ab. Nach Ansicht der medizinischen Abteilung ist sein Einsatz im defensiven Mittelfeld als Partner von Teamkollege Michael Ballack jedoch trotzdem wahrscheinlich. In der Abwehr meldete sich Marko Rehmer (Hertha BSC) nach auskurierter Magen-Darm-Grippe zurück, so dass Völler die gegen Spanien erstmals erprobte Dreierkette mit Jens Nowotny, Jörg Heinrich und Rehmer erneut aufbieten kann. Für den Angriff hatte sich der Coach bereits auf das Bayern-Trio Scholl, Jancker und Alexander Zickler festgelegt. Für die Besetzung der Flügel drängen sich erneut Sebastian Deisler (Hertha BSC) und Linksfuß Marko Bode (SV Werder Bremen) auf.

"Die Stimmung ist gut, die Mannschaft ist konzentriert. Das lässt die Hoffnung zu, dass wir am Samstag Erfolg haben. Du musst gewinnen - und fertig", sagte "Krisen-Manager" und Sprecher der "Task Force" Karl-Heinz Rummenigge. Auch DFB-Vizepräsident Gerhard Mayer-Vorfelder erinnerte, dass die Nationalelf erst am Anfang ihrer Wiedergutmachung stehe. "Mit nur einer guten Vorstellung ist es nicht getan. Vielmehr muss die Leistung unter Wettkampf-Bedingungen bestätigt werden", sagte der designierte DFB-Chef, der in Vertretung des Präsidenten Egidius Braun heute im Teamquartier eintreffen will.

Auf dem Papier ist das deutsche Team in seinem 55. WM-Qualifikationsspiel - bisher wurde nur ein einziges verloren -, klarer Favorit. Noch nie startete Deutschland mit einer Niederlage in eine WM-Ausscheidung und noch nie verlor eine DFB-Auswahl gegen Griechenland. Allerdings liegt der letzte Sieg gegen die Hellenen auch schon 30 Jahre zurück, als es in Athen ein 3:1 gab. Die drei darauf folgenden Spiele endeten jeweils Unentschieden - damit will sich in Hamburg aber keiner zufrieden geben.

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