Sport : WM-Qualifikation: Generation Deisler

Stefan Hermanns

In der Halbzeitpause schleppte die albanische Fußballlegende den etwas füllig gewordenen Körper die Stufen der Pressetribüne hinauf. In der letzten Reihe warteten die Reporter von Radio Tirana zum Live-Interview. Panejot Pano, inzwischen 61 Jahre alt, war schon zu aktiver Zeit etwas stämmiger als andere Fußballer, eine Art albanischer Gerd Müller und damals so bekannt, dass der 1. FC Köln ihn gerne verpflichtet hätte. Der Reporter von Radio Tirana erinnerte noch einmal an die alten Zeiten, die Namen Wogts und Bäckenbauer fielen; vermutlich ging es um das Spiel im Dezember 1967, als Albanien den Deutschen ein 0:0 abtrotzte. Pano spielte damals im albanischen Sturm.

Seitdem haben die Albaner gegen die Deutschen nur noch verloren, zuletzt sechsmal in Folge mit lediglich einem Tor Differenz. Das quält die albanische Fußballerseele, und wenn man das Volk vor die Alternative stellte: einmal Weltmeister werden oder ein einziges Mal gegen Deutschland gewinnen?, so würde sich die Mehrheit vermutlich für den Sieg gegen Deutschland entscheiden. Seit Samstagabend fiele das Votum wahrscheinlich noch deutlicher aus.

"Die Geschichte wiederholt sich", klagte Albaniens Trainer Mehdi Zhega nach der 1:2-Niederlage in der BayArena von Leverkusen. Während Pano so seine Geschichten erzählte, traf Teamchef Rudi Völler in der deutschen Kabine einen Entschluss, der dem Spiel vielleicht die entscheidende Wendung gab. Völler nahm Oliver Bierhoff und Dietmar Hamann aus der Mannschaft; dafür kamen Carsten Jancker und Marko Rehmer. Viel wichtiger aber war: Sebastian Deisler übernahm fortan die zentrale offensive Position im deutschen Mittelfeld.

Dass Deisler diese Rolle am liebsten spielt, "daraus habe ich noch nie ein Geheimnis gemacht", sagte er. "Ich habe mein ganzes Leben lang zentral gespielt." Diese Aussage stimmt jedoch nur, wenn Sebastian Deisler die letzten eineinhalb Jahre außer Acht lässt. Denn in Berlin spielt er an der rechten Seitenlinie. Herthas Trainer Jürgen Röber traut ihm diese Aufgabe noch nicht zu.

Es ist höchst ungewöhnlich, dass Deisler in der Nationalmannschaft bereits das spielen darf, was ihn in seinem Heimatverein meistens verwehrt blieb. Nach der Pause vertraute Völler dem 21-Jährigen die wichtigste Aufgabe im deutschen Fußball an: die Rolle des Spielmachers der Nationalmannschaft. "Bammel hatte ich mit Sicherheit nicht", sagte Deisler. Doch für ihn wächst die Verantwortung mit jedem Meter, wenn er sich von der rechten Seitenlinie entfernt. Völler verband mit der Umstellung die Hoffnung, "einfach mehr Druck ins Mittelfeld zu bekommen". Das gelang.

Nur vier Minuten nach der Pause erzielte Deisler aus gut 25 Metern das 1:0. "Ich denke schon, dass der Schuss haltbar war", sagte der Torschütze. Aber der Ball landete im Netz. Und vielleicht hat Deisler dies als Signal verstanden, dass an diesem Abend einiges möglich war. So jedenfalls spielte er in der Folge. "Er hat ein bisschen was riskiert", sagte Rudi Völler.

Möglicherweise hat der Teamchef mit seiner Entscheidung pro Deisler eine Entwicklung beschleunigt, die sonst wohl noch einige Jahre gedauert hätte. Völler sprach davon, dass Deisler dort gespielt habe, wo wir ihn in der Zukunft alle mal sehen wollen. Diese Zukunft hat am späten Sonnabendabend in Leverkusen begonnen, zumal sich Deislers direkte Vorgänger in der Spielmacherposition zuletzt nicht positiv hervorgetan haben. Michael Ballack versagte erst im Februar gegen die Franzosen, Dietmar Hamann blieb gegen Albanien ohne Wirkung. Ballack, der gegen die Albaner am Sonnabend gelbgesperrt fehlte, darf am Mittwoch in Athen gegen Griechenland zwar wieder mitspielen, dafür fehlt dann aber Mehmet Scholl. Der 31-Jährige vom FC Bayern sah seine zweite Gelbe Karte im laufenden Wettbewerb.

Es spricht also einiges dafür, dass Deisler gegen Griechenland eine zweite Chance bekommt. "Bis dahin sind ja noch ein paar Tage", sagte er. "Der Rudi Völler wird sich mit Sicherheit seine Gedanken machen." Gut möglich. Doch Sebastian Deisler muss das Ergebnis dieser Überlegungen nicht fürchten.

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