Sport : WM-Qualifikation: Im Sturm unter Spannung

Michael Rosentritt

Ein Fototermin auf der Weide wäre doch gut. Das würde passen. Der deutsche Stürmer Carsten Jancker zwischen den schweren Rindviechern, hier im satten Hinterland Münchens. Im Vordergrund der stämmige Bursche mit raspelkurzem Bürstenschnitt und lederner Tracht. Die zieht er gern an, wann immer es etwas zu feiern gibt beim FC Bayern. Es böte sich als Kulisse die Rückfront des Schlossgutes Oberambach an, ein früherer Bauernhof, der als Herberge herhält für die deutsche Fußballnationalmannschaft, die heute das WM-Qualifikationsspiel gegen England bestreitet - mit Carsten Jancker im Sturm.

Ein Gesprächstermin mit Carsten Jancker kann sich dagegen als weniger anregend erweisen. Trotz aller Gaudi im Kreise der Mannschaft: Der gebürtige Mecklenburger taugt nur bedingt für die Rolle als Scherzkeks. Seine Sätze wirken spröde, bisweilen bestehen sie aus drei Worten. Gemütliche Konversation findet anderswo statt. Vielleicht wäre er doch besser aufgehoben als Rausschmeißer, etwa an der Tür der Münchner Promidisco P1. Keine Frage: Carsten Jancker ist für das Spiel gegen England geladen. Eine Kostprobe seiner Spannung entlädt sich an einem englischen Journalisten. Der fragt den Spieler des FC Bayern München, ob dieser sich erklären könne, warum er, also Jancker, nicht sonderlich bekannt sei bei den Fans in England und das, was sie wüssten, nicht gerade zu hohem Ansehen geführt hätte. Jancker sagt bündig: "Das ist mir wurscht."

Einen Jancker treiben andere Sachen um. Beispielsweise das Gerücht, dass er bei den Bayern ausgemustert werden sollte. "Ich war es, der um Freigabe gebeten hat", sagt Jancker dazu. "Nur habe ich sie erst erhalten, als es zu spät war." Dreißig Millionen Mark wollte der Deutsche Meister haben für seinen Stürmer. So viel zahlte niemand, weshalb Jancker seinen Vertrag bis 2003 in München erfüllen möchte.

"Bei den Bayern ist jeder Spieler ersetzbar", sagt Jancker, der sich mit seinen jüngsten Leistungen dort allerdings wieder in die Anfangsformation gespielt hat. Was die Nationalelf anbelangt, kommt ihm zudem der latente Kursverfall Oliver Bierhoffs sowie der alarmierende Mangel an herausragenden deutschen Stürmern zugute. Fünf Tore hat Carsten Jancker bisher in seinen 18Länderspielen erzielt. Nicht gerade eine Traumquote, doch Teamchef Rudi Völler ist sich ganz sicher: "Seine Klasse wird sich durchsetzen."

Carsten Jancker lebt von seiner Erscheinung. 1,93 Meter ist er groß, 90 Kilogramm schwer. Wenn man fit ist, "ist die Größe von Vorteil", sagt Jancker. Hat er auch nur zwei Kilo zu viel drauf, "sieht alles etwas unbeholfen aus". Vom Spielertyp her erinnert er an Stürmer wie Dieter Hoeneß und Horst Hrubesch. Doch Jancker hat es mehr in den Füßen. Spielerisch ist er besser als Hoeneß und Hrubesch zusammen. Nur leider reicht er nicht an die Kopfballstärke seiner prominenten Vorgänger heran. "Hätte er die Kopfballtechnik eines Uwe Seeler, dann wäre er nicht aufzuhalten", sagte Franz Beckenbauer zu einer Zeit, als er sicherheitshalber den Transfer des Stürmers Claudio Pizarros von Werder Bremen zu den Bayern absegnete.

Der Peruaner Pizarro erhielt zunächst auch den Vorzug für die Stelle an der Seite Giovane Elbers. Da das südamerikanische Paar nicht auf Anhieb harmonierte, erhielt Carsten Jancker wieder Spielzeit. "Was soll ich dazu sagen", meint der 27-Jährige, "die Bayern verstärken sich doch jedes Jahr mit vielen guten Spielern. Langsam kenne ich das Spiel, und weiß, dass ich mich durchsetzen kann."

Diese Einstellung schätzt auch Rudi Völler an Carsten Jancker. "Er hat einen unglaublichen Antrieb und zuletzt in Budapest gegen die Ungarn bewiesen, dass er mit Konkurrenzsituationen umgehen kann." Gegen England wird Carsten Jancker zusammen mit Oliver Neuville von Bayer Leverkusen stürmen. Rudi Völler hält diese Doppellösung in der Spitze momentan für die beste. Gerade auch weil sie so unterschiedliche Spielertypen sind. Hier der hünenhafte Brecher, da der wuselige kleine Flitzer. Auch dieses Fotomotiv hätte etwas.

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