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WM-Qualifikation in Kasachstan : Gegen die Uhr und andere Beschwernisse

Die deutsche Fußball-Nationalelf fürchtet beim WM-Qualifikationsspiel in Astana weniger den Gegner als die Umstände: den langen Flug, die Zeitumstellung und den Kunstrasen.

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Vorbereitung auf ungewohntem Terrain. Die Nationalmannschaft trainiert in Frankfurt auf Kunstrasen.
Vorbereitung auf ungewohntem Terrain. Die Nationalmannschaft trainiert in Frankfurt auf Kunstrasen.Foto: dpa

Joachim Löw tat das, was er zuletzt immer gern getan hat. Er referierte über die Fortschritte der Mannschaft in den vergangenen zweieinhalb Jahren. Ein bisschen kompakter, ein bisschen strukturierter, dazu intelligenter im Zweikampfverhalten – so hat der Bundestrainer der deutschen Fußballer das Team zuletzt wahrgenommen. Löw geizte nicht mit Lob, nur dass diesmal nicht seine eigene Mannschaft gemeint war, sondern das Team Kasachstan, mit dem sich die Deutschen am Freitag in Astana und kommende Woche Dienstag in Nürnberg im Rahmen der WM-Qualifikation messen werden. Doch bei allem Respekt vor dem Gegner. „Die sechs Punkte sind natürlich fest eingeplant“, sagte Löw.

Die Deutschen haben weniger Angst vor den kasachischen Fußballern, die in der Fifa-Weltrangliste aktuell Platz 139 belegen, als vor den besonderen Umständen der bevorstehenden Dienstreise. 4300 Kilometer liegen zwischen ihrem aktuellen Aufenthaltsort Frankfurt am Main und Kasachstans Hauptstadt Astana, hinzu kommt eine Zeitverschiebung von fünf Stunden. Aber die sollen die deutschen Fußballer einfach ignorieren. "Nach der Faustregel müssten man eigentlich fünf Tage vorher anreisen, um sich anzupassen", sagt Mannschaftsarzt Tim Meyer. "Aber diese Zeit haben wir nicht." Deshalb werden die Nationalspieler wie schon vor zweieinhalb Jahren, als Deutschland erstmals auf Kasachstan traf, in Absprache mit der medizinischen Abteilung versuchen, ihren Schlaf- und Biorhythmus beizubehalten. Sie werden ihre Uhren gar nicht erst umstellen, in ihrem Hotel zu Abend essen, wenn sich die Kasachen vermutlich längst schlafen gelegt haben, zur dortigen Mittagszeit aufstehen – und zumindest vom Gefühl her am frühen Abend (19 Uhr, MEZ) spielen, obwohl in Astana gerade die Geisterstunde beginnt.

"So was kann man für einen Tag, vielleicht auch zwei durchhalten", sagt Meyer. "Danach bekommt man durch den Hell-Dunkel-Rhythmus Probleme." Ungewohnt wird es für die Spieler sein, dass es scheinbar extrem früh hell und entsprechend früh wieder dunkel wird. Trotzdem ist es den Nationalspielern vor zweieinhalb Jahren weitgehend gelungen, sich selbst ein wenig zu betrügen und den eigenen Körper zu überlisten. „Die Fenster müssen gut verrammelt sein und die Vorhänge funktionieren“, sagt Verteidiger Per Mertesacker, der schon 2010 in Astana dabei war. Teil dieses Selbstbetrugs ist allerdings auch, dass der deutsche Tross nach dem Abpfiff gleich wieder in die Heimat und damit in die Echtzeit zurück fliegt. Für fünf Uhr morgens ist die Ankunft in Nürnberg geplant – was sich leider auch nicht durch irgendwelche Tricks kaschieren lässt.

Eine weitere Beschwernis werden die Deutschen dann ebenfalls schon hinter sich gelassen haben. In der Astana Arena wird die Nationalmannschaft in ihrem 871. Länderspiel zum dritten Mal auf Kunstrasen antreten müssen. „Natürlich ist das ein Thema“, sagt Löw, auch wenn die bisherige Kunstrasenbilanz keinen Anlass zur Sorge gibt: zwei Spiele, zwei Siege, kein Gegentor. Im Oktober 2009 gewannen die Deutschen in Moskau 1:0 gegen Russland, ein Jahr später setzten sie sich mit 3:0 gegen Kasachstan durch.

Es ist eine Umstellung, das ja. Aber Löw traut seiner Mannschaft die Gewöhnung ohne größere Probleme zu, auch wenn ihr nur drei Trainingseinheiten bleiben, inklusive der Abschlusseinheit in Astana. „Man muss den Ball flach halten und in den Fuß spielen“, sagt der Bundestrainer. Dazu sei viel Bewegung notwendig, um die Räume, sowohl in der Breite als auch in der Tiefe, besser zu nutzen.

Wie vor dreieinhalb Jahren, als sich die Nationalmannschaft auf dem Kunstrasenplatz des FSV Mainz 05 für das Qualifikationsspiel in Moskau vorbereitete, wird es wohl nicht mehr sein. Damals waren die Nationalspieler „völlig konsterniert von den Gegebenheiten“, berichtet Löw. Um vor der wichtigen Begegnung gegen die Russen ein wenig Wettkampfpraxis auf dem ungewohnten Terrain zu simulieren, wurde kurzfristig ein Testspiel gegen den Mainzer Nachwuchs anberaumt. „Die A-Jugend hat das Spiel gestaltet“, erzählt der Bundestrainer. „Wir hatten überhaupt keine Chance. Es gab ein 0:0 oder sogar ein 0:1, das weiß ich nicht mehr genau. Ich weiß aber, dass wir sehr viele Probleme hatten.“

Doch auch diese Erfahrung bestärkt Löw in der Ansicht, dass seine Mannschaft dem Spiel auf dem Kunstrasen von Astana mit Zuversicht entgegenblicken kann – schließlich hat sie wenige Tage nach dem unerfreulichen Test in Mainz die Russen recht souverän geschlagen. „Ich seh’ da kein Problem auf uns zukommen“, sagt er. Den ungewohnten Untergrund lehne man instinktiv ja nur ab, wenn man keine technischen Möglichkeiten habe. Aber das kann man der aktuellen deutschen Nationalmannschaft im Moment wahrlich nicht nachsagen.

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