WM-Qualifikation : Island - so stürmisch wie der Nordatlantik

Das Überraschungsteam des Fußballsommers macht weiter, womit es bei der EM begann. Island spielt die Türkei beim 2:0 an die Wand und reist nun zum Spitzenspiel nach Kroatien.

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Blau und gut. In ihrer Hauptstadt Reykjavik fegten die Isländer nun auch die Türkei mit 2:0 vom Platz. Das Stadion war selbstverständlich ausverkauft. Foto: AFP/Gudjonsson
Blau und gut. In ihrer Hauptstadt Reykjavik fegten die Isländer nun auch die Türkei mit 2:0 vom Platz. Das Stadion war...Foto: AFP

Sie tragen immer noch ihre blauen Leibchen mit den weißroten Längsstreifen. Sieht ein bisschen retro aus, genau wie ihr Fußball, vorgetragen von Überfallkommandos unter weitgehendem Verzicht auf ein Mittelfeldspiel, aber wer gewinnt, hat immer recht. Islands Fußballspieler waren die große Entdeckung der Europameisterschaft in Frankreich. Die Überraschungsgäste auf einer langweiligen Party, und als sie nach einer deprimierenden Niederlage im Viertelfinale gegen Frankreich nach Hause reisten, schien das Märchen von den kecken Außenseitern mit den wilden Bärten und Tätowierungen erst einmal beendet zu sein. Jede Zeit hat ihre Überraschungshelden, und je größer die Überraschung ist, desto früher müssen die Helden auch wieder gehen.

Nichts da! Zum Start in die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2018 wirkten die Isländer im September beim 1:1 in der Ukraine noch ein bisschen erschöpft von der französischen Sommerparty. Diese Müdigkeit haben sie schnell aus den blauen Leibchen geschüttelt. Nach zwei Siegen in den folgenden drei Spielen steht die Abordnung aus dem Nordatlantik schon wieder ganz weit oben. Und was waren das für zwei Siege! Erst bogen die Isländer am vergangenen Donnerstag in der Nachspielzeit einen 1:2-Rückstand gegen Finnland zu einem 3:2-Sieg um. Berauscht vom Adrenalin des späten und kaum mehr erwarteten Sieges, spielten sie vier Tage später die Türkei beim 2:0 90 Minuten lang an die Wand. Selbstverständlich war das Laugardalsvöllur, das Nationalstadion in der Hauptstadt Reykjavik, beide Male ausverkauft. „Vid erum öll i sama lidi“, steht dort an der Anzeigetafel, „wir sind alle in einer Mannschaft.“ Und wer will schon eine Mannschaft besiegen, wenn diese aus einer ganzen Nation besteht?

„Das war schon beinahe zu einfach“, sprach der Mittelfeldspieler Elmar Bjarnason nach dem Sieg gegen die Türken, „sie hatten ja keine einzige Torchance“. Bjarnason hatte kurz vor der Pause das Führungstor eingeleitet, mit einem Distanzschuss, unglücklich abgefälscht von Bayer Leverkusens türkischem Verteidiger Ömer Toprak. Zwei Minuten später erhöhte der Augsburger Alfred Finnbogason auf 2:0, worauf sich die Isländer keineswegs zurückzogen, sondern so munter weiterstürmten, wie der Wind über den Nordatlantik weht.

„Die Jungs haben eben Charakter“, sagte Islands Heimir Hallgrimsson. Es ist noch gar nicht so lange her, da arbeitete Islands Trainer hauptberuflich als Zahnarzt. Aber dann nahm die Erfolgsgeschichte ihren Lauf und Hallgrimsson engagierte einen Kollegen, der vertritt ihn jetzt in der Praxis auf den Vestmannaeyja, den Westmännerinseln vor der isländischen Südküste. Hallgrimsson widmet sich allein dem Fußball und freut sich auf das Spitzenduell mit Kroatien. Gespielt wird am 12. November im Stadion Maksimr von Zagreb. Es ist dies der Ort, an dem ziemlich genau drei Jahre zuvor Islands erster Ansturm auf die Weltbühne des Fußballs gerade noch so abgewehrt wurde. In den Play-offs zur WM 2014 siegten die Kroaten nach einem 0:0 im Hinspiel 2:0 und fuhren nach Brasilien. Kein Isländer hat das bis heute vergessen. „Vid erum öll i sama lidi.“ Wir sind alle in einer Mannschaft.

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