Sport : WM-Qualifikation: Lauter gute Jungs

Michael Rosentritt

Oliver Kahn kniff wieder einmal die Augen zusammen. Das macht der Torhüter aus Bayern immer, wenn ihn der Ausgang eines Fußballspiels persönlich beleidigt hat und er aufpassen muss, was er sagt. Im Kreise der deutschen Nationalmannschaft hat er es in dieser Übung zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. "Wenn man merkt, dass der Ball nicht ins Tor will, dann muss man es erzwingen", zischte der 32-Jährige. Kahn sprach niemanden direkt an von seinen Mitspielern nach dem 0:0 gegen Finnland. Er meinte alle. Kahn musste erst gar nicht gefragt werden, was ihn mehr überrascht hatte an diesem trüben Tag: Dass Griechenland den Engländern einen Punkt abtrotzte, oder dass seine Vorderleute das Tor nicht trafen. Kahn hätte platzen könnten.

Kein Tor gegen einen Gegner, der nicht unter den 50 besten Nationen der Welt zu finden ist. Dass sich Deutschland längst aus der gehobenen Gesellschaft des internationalen Fußballs verabschiedet hat, war bekannt. Dass sich aber der dreimalige Weltmeister zielsicher in Regionen der Finnen vorarbeitet, ist in Sachen Tempo und Hartnäckigkeit neu. Vielleicht sollte man David Beckham danken, Deutschland vor einer noch größeren Peinlichkeit bewahrt zu haben. Man stelle sich vor, es wäre in Manchester nicht zum späten Ausgleich gekommen und Deutschland hätte sich mit diesem 0:0 für die WM qualifiziert. Dann wäre das Gerede vom Dusel der Deutschen wieder auf die Reise gegangen. So aber addierte sich das Gesamtangebot dieser Auswahl zu einem wenig rühmlichen Novum. Erstmals qualifizierte sich Deutschland nicht direkt für eine WM-Endrunde.

Es muss Kahn in den Ohren geklungen haben, als sein Mitspieler Jens Nowotny trotz seiner schlichten Darbietung auf dem Platz hinterher ein Selbstbewusstsein demonstrierte, das schon an Frechheit grenzte. "Es gab heute gute Ansätze." Der Leverkusener, der wie schon gewohnt den Beweis eines Führungsspielers schuldig blieb, war stolz darauf, "hinten zu null gespielt" zu haben. Völlig schleierhaft mutete sein Optimismus an: "Wir werden gegen die Ukraine das WM-Ticket lösen."

Selbst Rudi Völler, dem die nötige Bodenhaftung nachgesagt werden darf, ließ sich zu Sätzen hinreißen wie diesen: "Ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen. Ich bin absolut optimistisch, dass wir in der Relegation bestehen werden." Das Unheil droht am 10. oder 11. November beim Hinspiel in Kiew seinen Lauf zu nehmen. In der Verfassung vom Sonnabend ist Deutschland alles andere als der Favorit. "Wäre heute die Ukraine der Gegner gewesen, hätten wir das nicht heil überstanden. Wenn die Mannschaft so weiter spielt, ist sie nicht bei der WM dabei", sagte Günter Netzer.

Wie und ob es in diesem Fall mit Rudi Völler weitergeht, ist völlig offen. Die Sympathien der Fans gehören ihm weiterhin. Völler war, ist und bleibt ein Volksidol. Dank seines kämpferischen Naturells, seiner Leidenschaft, seiner Einstellung und seines Engagements. Nur leider konnte er davon bisher wenig übertragen auf die aktuellste Ausgabe der Nationalmannschaft. Den Spielern bleiben zum Beispiel Auftritte bei Pressekonferenzen erspart, wenn sie nicht wollen. Vermutlich ließ sich der Teamchef in den Tagen vor dem Spiel anstecken vom sorgenfreien Ambiente der münsterländischen Provinz. "Das sind alles gute Jungs, die wir hier haben", antworte der Teamchef in Billerbeck auf die Frage, ob es der aktuellen Auswahl nicht an Führungsspielern mangele. Die beiden Einzigen, die dafür in Frage kommen, sind allerdings gehandicapt. Kahn steht im Tor, und Deisler ist noch nicht so weit - obwohl er gegen Finnland noch zu den Besseren gehörte. Ansonsten sieht es ärmlich aus. Von Asamoah über Ballack, Neuville, Ramelow und Wörns bis Ziege. Dieser Kader ist zu brav, zu blass, zu weich und großen Aufgaben nicht gewachsen.

"Wir sind leider nicht der FC Bayern, der mit solchen Situationen umgehen kann", sagte Völler. In der Formation stand kein Feldspieler des Deutschen Meisters. "Der eine oder andere war schon überrascht, wie aggressiv die Finnen zu Werke gingen und die Zuschauer zur Pause pfiffen." Völler musste erkennen, dass nicht jeder gestrickt sei wie Kahn, der offen ausspricht, was er denkt und sieht. "Jetzt geht es erst richtig los", sagte Kahn trotzig. "Die Relegation ist eine Chance. Jeder kann wachsen an dieser Situation, die Spieler können sich weiterentwickeln unter diesem Druck."

Von der Euphorie, die Völler seit seinem Amtsantritt vor 14 Monaten begleitet hat, ist nach dem 13. Spiel kaum noch etwas zu spüren. Wie vor fünf Wochen gegen England fühlte sich manch einer gegen Finnland an die chaotischen Auftritte zu Zeiten Erich Ribbecks erinnert, als die Mannschaft leb- und ideenlos spielte und Torchancen ausschließlich dem Zufall entsprangen.

Dem Zufall will der DFB nichts mehr überlassen. Einen Tag nach dem Desaster von Gelsenkirchen wurde die Gründung eines Perspektiv-Kaders beschlossen. Im "Team 2006" sollen Spieler zwischen 15 und 25 Jahren zusammengezogen werden, die für die WM im eigenen Land in Betracht kommen. Oliver Kahn wird dann vermutlich etwas anderes machen. Was für eine Perspektive.

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