Sport : WM-Qualifikation: Viel Neues und vier Tore

Stefan Hermanns

Es war die Stunde des Sebastian Deisler. Im wahrsten Sinne des Wortes. Eines Stunde lang brillierte der Mittelfeldspieler von Hertha BSC gestern Abend in Athen als neue Nummer 10 der deutschen Fußballnationalmannschaft. Dann sah er gelb-rot. Nach einem unnötigen Foul an der Mittellinie. Am Ende durfte Deisler trotzdem jubeln: Mit 4:2 (2:2) schlug die deutsche Fußballnationalmannschaft im WM-Qualifikationsspiel vor 53 000 Zuschauern Griechenland. Und zwischenzeitlich stand ein anderer Youngster im Blickpunkt: Wie schon gegen Albanien am Wochenende war es der eingewechselte Miroslav Klose, der das wichtigste Tor erzielte, diesmal in der 82. Minute das 3:2 für die Deutschen. Er ebenfalls eingewechselte Marco Bode besorgte den Endstand. Den Griechen gelang damit auch im achten Spiel gegen Deutschland kein Sieg.

Der Erfolg gab Teamchef Rudi Völler Recht. Denn er hatte seine Mannschaft gegenüber dem blamablen 2:1 gegen Albanien gleich auf vier Positionen umgestellt. Michael Ballack spielte im defensiven Mittelfeld für seinen Leverkusener Vereinskollegen Carsten Ramelow. Carsten Jancker ersetzte den formschwachen Oliver Bierhoff, der erneut von Oliver Kahn als Spielführer vertreten wurde, im Angriffszentrum. Christian Ziege besetzte für Marco Bode die linke Außenbahn. Zudem agierte Jörg Heinrich wieder als dritter Mann in der Abwehr.

Die entscheidende Veränderung aber war der angekündigte Wechsel Deislers ins offensive Mittelfeld. Mehmet Scholl war ohnehin gesperrt. Und der junge Herthaner war gleich der Chef auf dem Platz. Eine echte Nummer 10. Neben ihm hatte gestern ein weiterer Berliner einen sehr guten Tag. Marko Rehmer war für Deisler auf die rechte Außenbahn gerückt. Auf der Bank Platz nehmen musste neben Bierhoff, Ramelow und Bode auch England-Legionär Dietmar Hamann, der in Leverkusen eine ganz schwache Vorstellung geboten hatte.

Fürchte die Griechen und ihre Geschenke. Die deutschen Fußballer hatten sich die antike Weisheit zunächst nicht zu Herzen genommen. Doch der Spruch fasst das Geschehen in der ersten Halbzeit zusammen. Zweimal gingen die Deutschen unter Mithilfe der Gastgeber in Führung. Zweimal glichen die Griechen aus. Beim 1:0 in der 6. Minute hatte Jancker, der nicht nur wegen seines nun wieder sprißenden blonden Haupthaares auffiel, den von hinten heransprintenden Rehmer bedient. Freistehend verwandelte der Berliner. Die gelungene Kombination, die bei Deisler ihren Ausgang genommen hatte, zeigte gleich zu Beginn, dass mit der deutschen Offensive nach der peinlichen Vorstellung gegen Albanien wieder zu rechnen ist.

Der Schwachpunkt war diesmal die Abwehr. Selbst Oliver Kahn, den Rudi Völler im Stadionheft als einzigen deutschen Weltstar bezeichnet hat, war gestern nicht immer sicher. Doch schwerer wog, dass Wörns, Nowotny und Heinrich eine Dreierkette bildeten, die selten harmonierte. "Da hat der eine oder andere immer mal wieder geschlafen", sagte Nowotny selbstkritisch. Und ein junger Mann namens Charisteas profitierte von der Schläfrigkeit der Hintermannschaft. In seinem ersten wichtigen Länderspiel setzte sich der Stürmer mit dem Ausgleich in der 21. Minute in Szene. Zuvor hatte Jörg Heinrich den quirligen Georgatos unbedrängt flanken lassen.

Nun zeigte der oft wegen mangelnder Einstellung geschmähte und gegen Albanien gesperrte Michael Ballack Verantwortungsbewusstsein. Es war die 25. Minute, als Ballack im Strafraum der Griechen zu Boden ging. Obwohl selbst gefoult, diskutierte der Leverkusener nicht lange. Ballack legte sich den Ball zurecht und schob Torwart YYY mit Glück den Ball unter der Achsel hindurch ins Tor. "Das war von vorneherein abgesprochen, dass ich schieße", sagte Ballack später. "Da habe ich Glück gehabt. Aber drin ist drin." Doch auch diesmal antworteten die Griechen. Ausgerechnet der kleinste Mann auf dem Platz, Giorgiadis köpfte unbedrängt ein, zwei Minuten vor der Pause.

Doch wieder hatten die Deutschen gestern das bessere Ende für sich. In Unterzahl gelangen ihnen die beiden entscheidenden Tore zum verdienten Sieg - allerdings gegen ein griechisches Team, das international nicht zu den Besten gehört.

Im übrigen war es nicht für alle Berliner ein schöner Tag: Dariusz Wosz saß wie schon gegen Albanien nur auf der Tribüne. Und Kostas Konstantinidis, der Herthaner in den Reihen der Griechen, der sich auf ein Duell mit seinem Mannschaftskameraen Sebastian Deisler durfte nur auf der Bank Platz nehmen.

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