Sport : WM-Qualifikation: Zurück zur Realität

Der oberste Chef bewies am Abend, dass er es auch nicht besser kann. Gerhard Mayer-Vorfelder trat im Aktuellen Sportstudio des ZDF an der Torwand an und schickte die Bälle als unbeherrschte Flugobjekte durchs Fernsehstudio. Wenige Stunden zuvor hatte er sich noch mokiert über die Unfähigkeit Oliver Bierhoffs, den Ball aus vier Meter Entfernung ins Tor zu befördern. Nun muss der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes nicht selbst den unfallfreien Umgang mit dem Ball beherrschen, aber als Chef des Verbandes steht er natürlich auch in der Verantwortung, falls die deutsche Fußball-Nationalmannschaft die Qualifikation für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr nicht schaffen sollte.

Mayer-Vorfelder rechnet es sich als größte Leistung seiner Amtszeit an, Rudi Völler zum Teamchef der Nationalelf erkoren zu haben. Inzwischen regt sich erste Kritik an dieser Zufallslösung. "Der Lack ist ab beim Teamchef", schrieb die "Leipziger Volkszeitung". Borussia Dortmunds Manager Michael Meier sagte, man müsse "wieder einen Realitätsbezug herstellen, was Klasse und Perspektive unserer Nationalmannschaft angeht. Zu viele glaubten nach den anfänglichen Erfolgen unter Völler, dass wir Deutschen schon wieder Weltformat erreicht hätten".

Inzwischen glaubt daran allenfalls noch Gerhard Mayer-Vorfelder. "Wir gehören sicherlich nicht zur absoluten Spitze im Weltfußball", sagte der DFB-Präsident, "aber unter denen, die nach Frankreich und Argentinien kommen, können wir mithalten." Im Gegensatz zu den präsidialen Äußerungen hat das 0:0 gegen Finnland die Debatte um den Zustand des deutschen Fußballs erneut entfacht. Der "Mannheimer Morgen" schrieb, dass einige Nationalspieler eine "Blutfehde mit dem Ball" hätten, die "TZ" aus München will in den Nationaltrikots "androide Auslaufmodelle" gesehen haben. Derweil reagierte der DFB wie nach der verkorksten Europameisterschaft mit der Gründung eines Arbeitskreises. Wenn die spielerische Qualität schon nicht reicht, soll es jetzt "Solidarität auf allen Ebenen" (Sport-Informationsdienst) und ein "Bündnis für Fußball" richten. "Der Bundesliga bleibt bis zu den Spielen gegen die Ukraine nichts als größtmögliche Solidarität mit der Nationalmannschaft", sagte Reiner Calmund, der Manager von Bayer Leverkusen.

Ob das reicht? Torhüter Oliver Kahn sprach ein vernichtendes Urteil über seine Kollegen: "Einige Spieler haben nicht begriffen, worum es geht. Sie wissen nicht einmal, was sie verspielt haben, welche Möglichkeit sie für den deutschen Fußball vertan haben", sagte Kahn der "Bild"-Zeitung. "Es kann nicht wahr sein, dass ich der Einzige war, der nach so einer verpatzten Chance tobte. Man ging einfach zur Tagesordnung über." Kritik übte er auch an der Vorbereitung im beschaulichen Billerbeck. Das Trainingslager im Münsterland sollte Ruhe und Konzentration fördern, in Wirklichkeit langweilten sich die Spieler wohl. Er lebe fast ausschließlich in Hotels, sagte Kahn, "da muss ich nicht unbedingt fünf Tage am Ende der Welt sitzen".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben