WM-Serie "Brasiliens Ballfieber", Folge 2 : Die Depression von Maracanã

1950 sieht Brasilien bei der Heim–WM schon wie der Sieger aus – aber dann stürzt Uruguay das Land in eine Agonie, die noch heute im Bewusstsein nachwirkt.

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Der Anfang vom Ende für Brasilen. Schiaffino schießt das erste Tor für Uruguay im letzten Endrundenspiel 1950.
Der Anfang vom Ende für Brasilen. Schiaffino schießt das erste Tor für Uruguay im letzten Endrundenspiel 1950.Foto: AFP

Es riecht seltsam bei dieser Grillparty von Moacyr Barbosa Nascimento. Nach Farbe, Lack und altem Holz. Die Flammen steigen sehr viel höher, als das für Steaks und Würste notwendig ist, aber darum geht es ja auch nur am Rande bei diesem Churrasco im Jahr 1961. Barbosa, wie sie ihn in Brasilien alle nennen, ist gerade dabei, einen Teil seiner Vergangenheit zu verbrennen. Als Grillholz hat er die ausgemusterten Torpfosten aus dem Estadio Maracanã organisiert.

Und niemand braucht diese rituelle Teufelsaustreibung so sehr wie Barbosa. Der Mann, der im Tor stand, als Brasilien zum ersten Mal und so vielversprechend nach dem WM-Titel griff. 1950, bei der ersten in Brasilien ausgespielten Weltmeisterschaft. Dieses Turnier ist bis heute untrennbar mit Barbosas Namen verbunden. Allerdings nicht auf eine Art und Weise, wie sie Barbosa und seinen Nachkommen zur Nationalheldenschaft verholfen hätte.

Selbstverständnis als neue Fußball-Weltmacht

Brasilien sieht sich nach dem Krieg als die Fußball-Weltmacht der Zukunft. Schon 1938, bei der letzten Vorkriegs-WM in Frankreich, hat die Mannschaft um den virtuosen Angreifer Leonidas da Silva nur mit viel Pech und ein bisschen eigener Überheblichkeit den Titel verpasst. Jetzt liegt Europa in Trümmern, die Fußballwelt ist auf der Suche nach neuer Führung, und wer wäre prädestinierter dafür als Brasilien, das fünftgrößte Land der Welt mit den unzähligen Stränden, an denen das Spiel eine ganz neue Definition erfährt?

Beim Fifa-Kongress 1946 sind die Brasilianer der einzige Kandidat, und sie bauen für ihre Weltmeisterschaft das größte Stadion der Welt. Für das Maracanã werden in Rio Armensiedlungen niedergewalzt, aber das stört niemanden. Fußball geht vor, und erst recht die Seleção, die Nationalmannschaft, die sich zwar in der Vorrunde ein 2:2 gegen die Schweiz erlaubt, aber das auch nur, weil zu Ehren der Gastgeberstadt São Paulo eine Handvoll einheimischer Spieler eingesetzt werden, die sonst nur zweite Wahl sind.

In der Finalrunde macht Brasilien ernst. Es ist bis heute das einzige Turnier, das nicht in einem Finale mündet, sondern in einer Runde der besten Vier ausgespielt wird. Die brasilianischen Organisatoren haben auf diesem Modus bestanden, weil sie mit ein paar Spielen mehr ein bisschen mehr Geld verdienen wollen. Die Seleçao siegt 7:1 gegen Schweden und 6:1 gegen Spanien. Jetzt steht nur noch ein Spiel an gegen den kleinen Nachbarn Uruguay, der gegen Spanien mit Mühe und Not ein 2:2 geschafft hat und ein 3:2 gegen Schweden. Brasilien genügt ein Unentschieden. 200 000 Zuschauer im Maracanã-Stadion feiern lange vor dem Anpfiff, die brasilianischen Zeitungen würdigen ihre Weltmeister mit Sonderausgaben. Friaca schießt Brasilien in Führung, doch Uruguays Flügelstürmer Ghiggia mag den Favoriten nicht zur Ruhe kommen lassen. Mitte der zweiten Halbzeit dribbelt er von rechts in den Strafraum und flankt auf Schiaffino. 1:1. Stille im Maracanã.

"Frank Sinatra, der Papst und ich."

Es ist kurz nach halb fünf, als Ghiggia das gleiche Spielchen noch einmal spielt. Wieder kommt er von rechts, alles rechnet mit einer Flanke, doch Ghiggia schießt auf den kurzen Pfosten. Torwart Barbosa hechtet zu spät. 2:1. Zwölf Minuten später ist Uruguay Weltmeister.

Torschütze Ghiggia hat einmal erzählt, wie er als älterer Herr bei seiner Einreise nach Brasilien von einer jungen Zollbeamtin gefragt wurde, ob er denn der Ghiggia sei. „Ja, aber das ist doch schon 50 Jahre her!“ – „Aber in Brasilien spüren wir diesen Moment noch heute!“ Über den größten Moment seines Lebens sagt er: „Nur drei Menschen haben mit einer einzigen Bewegung das Maracanã zum Schweigen gebracht: Frank Sinatra, der Papst und ich.“

Und Barbosa? Ist, wie kürzlich aufgetauchte Filmaufnahmen zeigen, völlig unschuldig an Uruguays Siegtor. Und wird doch bis ans Ende seines Lebens verfolgt als vermeintlich Schuldiger. Barbosa spielt nie wieder für Brasilien, er wird in der Öffentlichkeit angefeindet und weggeschickt, als er 1994 das Trainingsquartier der Nationalmannschaft besuchen will. Kurz vor seinem Tod im Jahr 2000 hat Barbosa gesagt: „In Brasilien sieht das Gesetz 30 Jahre Haft für einen Mord vor. Es ist weit mehr als diese Zeit seit dem Finale von 1950 vergangen und ich fühle mich noch immer eingekerkert, die Menschen sehen in mir immer noch den Schuldigen für unsere Niederlage.“

Gelb-Blau als Therapie

Brasilien stürzt nach der WM 1950 in tiefste Agonie. Aber wie glücklich muss ein Land sein, das sein nationales Trauma nicht auf ein Hungerleiden, einen Krieg, einen Terroranschlag oder sonst eine Plage der Menschheit bezieht, sondern auf ein verlorenes Fußballspiel? Die abergläubischen Brasilianer erfinden für das Versagen von 1950 einen eigenen Namen, er bezieht sich auf den Namen des Austragungsortes: Maracanãço.

Bei dieser Gelegenheit schaffen sie auch gleich ihren weiß-blauen Nationaldress ab und wechseln zum heute so populären Gelb-Blau. Das zeigt nicht unmittelbaren Erfolg, noch bei der kommenden Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz fallen die Brasilianer eher als emotionale Prügelhorde auf denn als filigrane Künstler. Beim 2:4 im Viertelfinale gegen Ungarn fliegen zwei Brasilianer vom Platz, die Feindseligkeiten setzen sich fort bis in die Kabine.

Dass Brasiliens Fußball auch ganz andere Qualitäten hat, wird erst vier Jahre später zu begutachten sein.

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