WM-Serie "Brasiliens Ballfieber", Folge 3 : Der Depp, das Kind und die Revolution

Garrincha und Pelé sollen 1958 erst gar nicht spielen – doch dann leiten sie im WM-Turnier eine neue Ära des Weltfußballs ein.

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Als Teenager zum Titel. Pelé als 17-Jähriger bei der WM 1958. Foto: imago/Horstmüller
Als Teenager zum Titel. Pelé als 17-Jähriger bei der WM 1958.Foto: imago/Horstmüller

Die größte Revolution des Weltfußballs wäre beinahe an der modernen Wissenschaft gescheitert. An dem Psychologen, den Brasiliens Trainer Vicente Feoloa ins Trainingslager bestellt, bevor er die Mannschaft nominiert, die bei der WM 1958 in Schweden endlich vom Ruhm der neuen Weltmacht künden soll. Die Qualifikation gegen Peru ist Brasilien nur mit Mühe gelungen, und nach einer Niederlage bei der Südamerika-Meisterschaft gegen Argentinien fürchtet man zwischen Rio und São Paulo eine Blamage.

Also unterzieht der Psychologe alle Kandidaten einer Prüfung und legt dem Trainer nahe, er möge doch bitte auf zwei Spieler verzichten. Auf den Dribbelkünstler Garrincha, der links ein O- und rechts ein X-Bein hat und wegen seines niedrigen Intelligenzquotienten noch nicht einmal den Beruf eines Busfahrers ausüben dürfe. Und auf den Mittelfeldspieler Pelé, denn dieser sei mit seinen 17 Jahren noch zu kindlich und könne keine Verantwortung übernehmen. Ein Depp und ein Kind führen demnach die größte Revolution des Weltfußballs an. Eine Revolution, die 1958 in Schweden beginnt und die Welt bis 1970 in Atem hielt, bis zum dritten WM-Titel Brasiliens, abermals unter der Anleitung des großen Pelé. Diese zwölf Jahre gelten mit ihren drei WM-Siegen bis heute als die produktivste und kreativste und erfolgreichste Epoche, die je eine Nation verantwortet hat.

An diesem Tag nimmt die Fußballgeschichte einen neuen Lauf

Vicente Feola prägt den Anfang dieser Epoche, und vielleicht ist es seine größte Leistung, dass er den Rat des Psychologen in den Wind schlägt und die beiden Wackelkandidaten mit nach Schweden nimmt. In den ersten beiden Spielen sitzen Pelé und Garrincha noch auf der Bank. Brasilien siegt 3:0 gegen Österreich und spielt 0:0 gegen England, aber der große Glanz fehlt.

Es ist oft kolportiert worden, die Mannschaft hätte vor dem letzten Vorrundenspiel gegen die UdSSR den Einsatz der beiden durchgesetzt. Die ersten drei Minuten dieses Spiels zählen noch heute, nach fünf Weltmeistertiteln, zu den besten und aufregendsten der brasilianischen Fußballgeschichte. Es beginnt mit einem langen Solo Garrinchas, das sich über eine halbe Minute lang hinzieht und mit einem Pfostenschuss endet. Kurz darauf trifft auch Pelé den Pfosten, ein paar Sekunden später erzielt Vava das 1:0. Später gelingt ihm noch ein zweites Tor zum Endstand, und die Sowjets sind froh, als das Spiel endlich vorbei ist.

An diesem Tag nimmt die Fußballgeschichte einen neuen Lauf. Pelé schießt im Viertelfinale das Tor zum 1:0-Sieg gegen Wales, drei Tore sind es beim 5:2 im Halbfinale gegen Frankreich und noch mal zwei beim 5:2 im Endspiel gegen Schweden, darunter jenes berühmte, als er den Ball mit dem Oberschenkel annimmt, über einen Schweden lupft und mit der nächsten Berührung im Tor versenkt. Die Londoner „Times“ schwärmt von einer „Fußballkunst, die das Verständnis vieler überschreitet“. Garrincha, das schlichte Genie, soll nach jedem Spiel gefragt haben, ob denn jetzt endlich Schluss sei, er wolle zurück zu Frau und Kindern.

Er ist dann auch vier Jahre später bei der WM in Chile dabei, und so wie 1958 Pelé gehört, ist 1962 Garrinchas WM. Pelé scheidet schon in der Vorrunde mit einer Wadenverletzung aus und beobachtet von der Tribüne, wie Garrincha das Publikum verzückt. Diese WM von 1962 gilt bis heute als die unattraktivste aller Zeiten, aber sie ist gesegnet mit einem begnadeten Solisten. Garrincha ist Brasilien und Brasilien ist Garrincha – so sehr, dass sich die hohe Politik einmischt, um dem krummbeinigen Virtuosen nach dessen Platzverweis im Halbfinale eine Sperre für das Endspiel zu ersparen. Garrincha spielt, Brasilien siegt 3:1 über die CSSR.

Pelé wird brutal gefoult und will nie wieder bei einer WM antreten

Es gibt in dieser zwölf Jahre währenden Erfolgsgeschichte aber auch ein Kapitel des Misserfolgs. Geschrieben wird es 1966, als die Brasilianer glauben, sie könnten mit einer überalterten Mannschaft im Vorbeigehen ihren WM-Hattrick vollenden – und dabei grandios scheitern. Pelé verletzt sich beim 2:0 im ersten Vorrundenspiel gegen Bulgarien und fehlt beim anschließenden 1:3 gegen Ungarn. Beim 1:3 gegen Portugal wiederum ist Garrincha nicht dabei, Pelé wird vom Portugiesen Joao Morais aus dem Spiel getreten und schwört, nie wieder bei einer Weltmeisterschaft anzutreten. Vier Jahre später lässt er sich dann doch noch einmal breitschlagen, auch und vor allem im nationalen Interesse, denn die regierenden Militärs legen großen Wert auf ein Mitwirken des Mannes, den sie zum unverkäuflichen Kulturgut erklärt haben. Pelé hat nie in einer großen europäischen Liga gespielt und gilt doch als bester Spieler aller Zeiten – vielleicht auch genau deswegen, denn der vergleichsweise langsame Fußballalltag in Brasilien ist seiner Legendenbildung doch sehr förderlich.

Garrincha ist längst zurückgetreten und auf seinem langen Weg in den sozialen Abgrund. Pelé ist 1970 in Mexiko zwar nicht mehr auf dem Zenit seines Könnens, aber in der Blüte seiner Popularität. Seine Brasilianer spazieren mit einer selten erlebten Dominanz durch das Turnier, und den schönsten Moment heben sie sich für das letzte ihrer 19 in sechs Spielen erzielten Tore auf. Es ist das finale 4:1 im Endspiel gegen Italien, in der Folge einer Kombination, an der alle brasilianischen Feldspieler beteiligt sind, bevor Carlos Alberto den Ball ins linke Eck drischt. Es ist der würdige Höhepunkt einer Epoche, von der zu diesem Zeitpunkt keiner ahnt, dass sie gerade zu Ende gegangen ist. Bis zum nächsten WM-Titel müssen die Brasilianer 24 Jahre lang warten. Garrincha wird ihn nicht mehr erleben. Er stirbt 1983, mit 49 Jahren, an den Folgen einer Leberzirrhose.

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