WM-Titel für Sawtschenko/Szolkowy : Zauber der Außerirdischen auf dem Eis

Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy bieten bei ihrem erneuten WM-Sieg Eiskunstlauf als ästhetischen Genuss. Selbst ein kleiner Patzer kann das Paar nicht stoppen.

Frank Bachner
Eiskunstlauf- WM in Los Angeles - Savchenko und Szolkowy Weltmeister
Perfekte Kunst. Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy übertreffen mit ihren Wurf- und Sprungelementen die Konkurrenz.Foto: dpa

Berlin - Auf dem großen Würfel über dem Eis im Staples Center leuchteten die Punkte: 203,48. Eine grandiose Zahl. Und auf dem Sofa, zwischen Topfblumen, wo sich alle Athleten nach ihrer Kür hinsetzen, lachten Robin Szolkowy und Aljona Sawtschenko. Sie hatten gerade gewonnen, sie waren Paarlauf-Weltmeister, sie hatten ihren Titel bei der Eiskunstlauf-WM in Los Angeles verteidigt. Auf den Rängen feierten gleichzeitig rund 12 000 Zuschauer begeistert diesen großgewachsenen, dunkelhäutigen Mann und diese kleine Frau mit den flachsblonden Haaren. Jede einzelne Szene ein Symbol, jedes Bild ein Hinweis, dass viereinhalb Minuten lang auf dem Eis außergewöhnliche Kunst zelebriert worden war.

Aber kein Bild hatte mehr Symbolkraft für diese Momente, in denen die Fans in der Halle und die Zuschauer am Fernsehschirmen regelrecht verzaubert wurden, als das Gesicht von Ingo Steuer, dem Trainer der Weltmeister. Seine Blicke signalisierten ungeheure Begeisterung, der Mund war zu einem breiten Lachen auseinandergezogen. Und weil Steuer die Haare geschnitten hatte, fiel nicht mal eine pechschwarze Strähne über die Augen. Früher hatte eine solche Strähne dieses Gesicht noch mehr verdüstert, als es die mürrischen Blicke ohnehin schon machten. Es wirkte, als hätte er sich sorgfältig bis ins letzte Detail auf diese Inszenierung auf dem Eis und ihre Ergebnis vorbereitet. Der Perfektionist Steuer, der sich so oft an seinen extrem hohen Ansprüchen gescheitert sah, hatte eine nie erlebte Perfektion gesehen.

Szolkowy/Sawtschenko sind nicht bloß zum zweiten Mal in Folge Weltmeister geworden, 45 Jahre, nachdem Marika Kilius/Hans-Jürgen Bäumler der gleiche Erfolg gelungen war. Die Chemnitzer haben zur Musik von „Schindlers Liste“ Kunst auf höchstem Niveau geboten. Dass Szolkowy bei einem schwierigen Verbindungsschritt kurz hinfiel, spielte für den künstlerischen Eindruck bei den Sprüngen und der Choreographie keine Rolle. Er fiel, weil das Eis nicht perfekt präpariert war. „Sie waren Rohdiamanten, die ich geschliffen habe“, sagte Steuer in Los Angeles. „Es ist unbeschreiblich“, erklärte Sawtschenko. „Es ist ein perfektes Gefühl, den Titel zu verteidigen“, verkündete Szolkowy in die Kamera der ARD. In Berlin saß der Leitende Landestrainer Reinhard Ketterer vor dem Fernseher und sagte nach der Kür: „Sensationell. Bei den Sprungelementen hat es einen nie dagewesenen Gleichklang gegeben.“ Ihm fiel nur ein Bild ein, das ihm passend erschien: „Die Beiden wirken wie Außerirdische, herabgestiegen von einem anderen Stern.“

Ihre Kür treibt über die Dreifach-Toeloop-Sequenz, den dreifachen Salchow, die traumhafte Todesspirale und den dreifachen Lutz auf einen rasanten, spektakulären Höhepunkt zu, der im Moment auf der Welt einmalig ist: In den letzten Sekunden dieser kräfteraubenden Darbietung schleudert Szolkowy seine Partnerin zu einem dreifachen Wurfsalchow durch die Luft. Eine ungeheure athletische Leistung, mit der Wirkung eines mächtigen Paukenschlags.

Auf welchem Niveau die Beiden liefen, zeigt schon die Reaktion von Szolkowy auf seinen Patzer. „Der war kein Problem, er war fast lustig.“ Wären die führenden Paare enger beieinander gelegen, dann hätte der Abzug von einem Punkt, mit dem das Paar wegen dieses Patzers bestraft wurde, durchaus den Unterschied zwischen Gold und Bronze bedeuten können. Doch die Chemnitzer hatten am Ende einen Vorsprung von rund 17 Punkten auf die zweitplatzierten Chinesen Zhang Dan/Zhang Hao (186,52).

Auch Aljona Sawtschenko war überwältigt von ihrer eigenen Leistung. „Schindlers Liste ist ein sehr trauriger Film. Wir wollten dieses Gefühl zeigen, ich glaube, das ist uns gelungen.“ Sawtschenko ist vielleicht noch perfektionistischer als ihr Trainer, sie hat es besonders geärgert und motiviert zugleich, dass sie und Szolkowy beim Grand-Prix-Finale nur Zweite geworden waren. Danach hatte Steuer die Kür umgestellt und perfektioniert. Das Ergebnis überwältigte auch die zweifache Olympiasiegerin Katarina Witt: „Die Beiden laufen in ihrer eigenen Liga. Das ist sehr ungewöhnlich, weil bei einer Weltmeisterschaft die Leistungsdichte sehr groß ist.“
Viel Zeit zum Feiern haben die Weltmeister nicht. „Für uns beginnt morgen die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele“, sagte Szolkowy. Und Steuer ließ keinen Zweifel daran, wie das Ziel dieser Arbeit aussieht: „Wir wollen Olympiasieger werden. Etwas anderes zählt nicht.“

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