WM-Torwart Hans Tilkowski : "Es gab keine Effekthascherei"

Hans Tilkowski, WM-Torhüter von 1966, war dem Wembley-Tor am nächsten. Wir sprachen mit ihm über die Veränderungen im Torwartspiel und die Inszenierung heutiger Keeper. Und abschließend natürlich, ob der Ball nun drin war oder nicht.

Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Torwart aus?



Das kommt darauf an, wann man diese Frage stellt. Heute wird viel mehr Wert auf Selbstdarstellung gelegt. Meine Zeit dagegen war geprägt von Keepern wie Hans Jakob, Heiner Stuhlfauth oder Toni Turek, gegen den ich selbst noch gespielt habe. Es war eine Generation der Sachlichkeit, die sich vielleicht am besten mit einem Satz von Sepp Herberger zusammenfassen lässt: "Ich brauche einen Torhüter für die Mannschaft, nicht für das Publikum."

Das ist heute anders?

Heute sehe ich häufig einen gewissen Populismus im Torwartspiel. Herberger dagegen lag jede Effekthascherei, jede Show fern. Das ist die Grundlage, auf der wir damals gespielt haben.

Sie meinen, der Zeitgeist bestimmt, wer als guter Torhüter gilt?

Beziehungsweise die jeweilige mediale Betrachtungsweise. Ich habe zum Beispiel vor kurzem einen Reporter gehört, der über einen Torwart sagte, er leiste sich "den Luxus, die Torlinie zu verlassen." Ich frage mich dann manchmal, ob die Journalisten das Torwartspiel überhaupt kennen und richtig bewerten können. Schauen Sie nur mal, wie viele Gegentore im Fünfmeterraum fallen, selbst nach Eckbällen oder Freistößen. Solche Dinge standen zu meiner Zeit viel stärker in der Kritik, als das heute der Fall ist.

Das klingt, als würde es heute an den Grundlagen fehlen.

Uns wurden bereits von unseren Verbandssportlehrern die technischen Grundlagen beigebracht. Ich beobachte das aktuelle Torhüterspiel sehr genau und bin fast jede Woche im Stadion. Ich sehe tatsächlich, dass technisch-taktische Grundlagen häufig fehlen. Sepp Herberger hat damals schon den Torhüter als ersten Aufbauspieler charakterisiert. Haben Sie mal darauf geachtet, wie viele Torhüter heute Dropkicks machen?

Wenige.

Sehen Sie. Ziel des Abstoßes ist es aber doch, dass der eigene Mann den Ball behält. Herberger hat immer zu mir gesagt: "Die Kameraden haben fünf Minuten um den Ball gekämpft und Sie nehmen ihn in die Hand und schlagen ihn einfach hoch in die Luft." Genau das beobachte ich heute bei vielen Torhütern – man hat das Gefühl, es liegt Schnee auf dem Ball, wenn er wieder runterkommt. Nichts ist für einen Abwehrspieler leichter abzuwehren und für den eigenen Stürmer schwerer anzunehmen, als ein hoher Abschlag.

Was ist der Vorteil bei einem Dropkick?

Dropkicks kommen flacher und fliegen knapp über die Köpfe des Gegners. Der eigene Stürmer kann sie leicht annehmen, oder besser noch, mitnehmen. In England sieht man auch viel häufiger schnelle, präzise Abwürfe in den Lauf des Mitspielers, als das hier in Deutschland der Fall ist.

Müssen Sie dann nicht manchmal schmunzeln, wenn heute vom modernen, mitspielenden Torhüter gesprochen wird?

Sicherlich. Torhüter, die Fußball spielen können, hat es vor vierzig Jahren schon gegeben. Wir mussten doch alle damals ab und an im Feld spielen. Es gab keine Auswechselungen, und wenn ein Torwart sich im Spiel die Hand verletzt hat, ist er aufs Feld gegangen, und ein Feldspieler ging in den Kasten. Ich habe dann Mittelstürmer gespielt.

Wie haben Sie mit dem Fußball spielen angefangen?

Auf der Straße. Im Gegensatz zu den heutigen Straßenfußballern haben wir tatsächlich auf der Straße Fußball gespielt. Da fuhr der Sprengwagen noch, der die Straßen wässerte, damit es nicht so staubt. Wir hatten keine Fußballplätze, wir haben mit selbstgenähten Stoffbällen gekickt.

Wie sind Sie eigentlich Torwart geworden?

Irgendwann kam eine Situation, in welcher der Torwart ausgefallen war und ich in den Kasten gegangen bin. Da habe ich Spaß daran gefunden, der Jugendleiter hat mich auch darin bestärkt, und der hatte ja ohnehin das Sagen. Trotzdem dachte ich noch, dass ich das nur vorübergehend machen würde. Auch deswegen habe ich neben meinem Torwarttraining weiterhin am normalen Mannschaftstraining teilgenommen. Das habe ich auch als Profi so beibehalten.

Das heißt, Sie sind in die Torwartrolle eher reingerutscht?

Man rutscht ja sowieso überall rein. Du fängst als Linksaußen an und plötzlich spielst du Verteidiger.

Hatten Sie damals ein Vorbild?

Einige haben geschrieben, Toni Turek sei mein Vorbild, obwohl ich da nie Stellung zu genommen habe. Natürlich hat mich die Ruhe, die er ausstrahlte, sehr fasziniert. Menschlich beeindruckt hat mich mein Vorgänger Fritz Herkenrath – ein Mann, der die Sachlichkeit schon aufgrund seiner Profession als Lehrer (Herkenrath hatte ein Sportlehrer-Diplom und wurde später Professor für Sport, d. Red.) verkörperte. Geschwärmt hat damals natürlich jeder von Lew Jaschin. Und Gordon Banks habe ich ebenfalls sehr geschätzt. Das sind dann Leute, von denen man sich ein bisschen was abgeschaut hat. Aber DAS eine Vorbild hat es in dem Sinne nicht gegeben.

Wie sah das Torwarttraining zu Beginn Ihrer Karriere aus?

Herbert Widmeyer hat zum Beispiel in der Sportschule Kaiserau gezieltes Torwarttraining durchgeführt – das Fangen, das Aufnehmen. Er hat die Bälle so geworfen, dass man das richtige Fangen übte, mit den Händen hinter dem Ball. Wenn wir Paraden trainierten, haben wir das in der Sandgrube getan, weil man sich da nicht ganz so weh tat – dadurch wurde gleichzeitig die Sprungkraft enorm gestärkt. So haben wir die technischen Grundlagen des Torwartspiels gelernt.

Wie ging es dann weiter?

Ich war 15, als ich meinen ersten Lehrgang bei Dettmar Cramer beim westdeutschen Fußballverband in Duisburg gemacht habe. Das war 1950. Sepp Herberger hatte als Bundestrainer seine Trainingslehre an die Verbandstrainer weitergegeben, von der auch die Torhüter profitierten.

Gab es denn schon spezielle Torwarttrainer?

Natürlich nicht, für so etwas war doch überhaupt kein Geld da. Aber es gab zum Beispiel spezielle Lehrfilme über das richtige Fausten und Abwerfen, die nach Herbergers Anweisungen mit mir als Torwart entstanden sind und dann in den Sportschulen gezeigt wurden.

Wie geht denn das richtige Fausten?

Am wichtigsten ist es, ein Gefühl dafür zu entwickeln, rechtzeitig in der Luft zu stehen – so wie man es immer über Uwe Seeler gesagt hat, der stand ja förmlich in der Luft. Der Ball darf dann natürlich nicht nur berührt werden, sondern muss wie beim Boxen aus der Schulter heraus richtig getroffen werden, so dass der Ball bis zu 40 Meter weit fliegen kann. Aber entscheidend ist das Timing.

Hat Ihnen dabei Ihr Boxtraining geholfen?

Nein, das war bloß aus Jux und Dollerei. Ich wollte einfach dabei sein, wenn meine Kumpels boxen gegangen sind. Und dann habe ich eben mitgeboxt.
 

 

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