WM-Torwart Hans Tilkowski : "Es gab keine Effekthascherei"

Hans Tilkowski, WM-Torhüter von 1966, war dem Wembley-Tor am nächsten. Wir sprachen mit ihm über die Veränderungen im Torwartspiel und die Inszenierung heutiger Keeper. Und abschließend natürlich, ob der Ball nun drin war oder nicht.

Muss man als Torhüter ein bisschen verrückt sein?



Tja, manche sagen eben, dass einer, der sich dauernd im Schlamm wälzt, verrückt sein muss. Wenn ich mir auf der anderen Seite manche Tacklings anschaue, sage ich auch, der muss verrückt sein. Das zu beurteilen, überlasse ich jedem selbst.

Sind Torhüter generell eher Einzelkämpfer oder Mannschaftsspieler?

Der Torwart ist ein auf sich allein gestellter Mannschaftsspieler.

Sie standen öfter in hartem Konkurrenzkampf mit anderen Keepern - Wessel in Dortmund, Kunter in Frankfurt. Wie ist das Verhältnis zu Ihren Konkurrenten gewesen?

Sehen Sie, gegen seine sportliche Konkurrenz muss man sich eben durchsetzen - und am Ende entscheidet sowieso der Trainer. Zu Wolfgang Farian habe ich heute immer noch ein gutes Verhältnis. Er konnte ja nichts für die Entscheidung des Trainers.

Beeinträchtigt denn die sportliche Konkurrenz das persönliche Verhältnis gar nicht?

Manchmal schon. Es kommt immer darauf an, wie jemand mit seiner Unzufriedenheit fertig wird. Ob er sie nach außen trägt, um zum Beispiel größere mediale Aufmerksamkeit zu bekommen oder sich bei Journalisten anzubiedern.

Wen sehen Sie als künftige Nummer 1 im Tor der deutschen Nationalmannschaft?

Das will ich nicht kommentieren. Ich kann Ihnen nur sagen, wen ich momentan schätze, weil sie der Torwartphilosophie, die ich vertrete, am nächsten kommen.

Welche Keeper sind das?

Das sind in erster Linie Manuel Neuer von Schalke 04 und Robert Enke von Hannover 96. Von letzterem sieht man auch mal einen Dropkick. René Adler habe ich zu selten gesehen, um ihn richtig einschätzen zu können. Er wirkt manchmal noch ein bisschen ungestüm, aber er ist ja auch noch sehr jung.

Was ist mit Timo Hildebrandt?

Nicht so mein Fall. Ihm fehlt, meiner Ansicht nach, ein wenig die Fähigkeit mitzuspielen. Er kassiert zu viele Gegentore aus dem Fünfmeterraum, bei Flanken zum Beispiel. Wenn der Eckball von der rechten Seite mit rechts gespielt wird, kann der Ball ja nur vom Tor weg gehen. Da kann ich mich doch schon auf die Fünfmeterlinie stellen. Das gehörte bei uns damals zur Grundausbildung und wird heute oftmals falsch gemacht.

Mit Enke und Hildebrand auf der einen, und Neuer und Adler auf der anderen Seite, konkurrieren fast schon zwei Generationen miteinander. Sind Sie für den sanften Übergang mit der Generation Enke, oder würden Sie persönlich sofort auf die Jugend setzen?

Bei der Entscheidung spielen Generationen doch gar keine Rolle. Ich kann doch jetzt auch noch nicht beurteilen, wie Enkes Leistungen in einem Jahr aussehen. Das wird bei solchen Diskussionen immer vergessen. Bei Torhütern geht es um konstant gute Leistungen über einen langen Zeitraum, mehr noch als bei Feldspielern.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Deutschland schon immer sehr gute Torhüter hervorgebracht hat?

Da muss man weit zurückgehen und sich auch den Amateursport genauer ansehen. Jeder Nationalspieler ist zunächst mal Amateursportler gewesen. Und wir haben das Glück, eine sehr breite und gut organisierte Basis in diesem Bereich zu haben – und das seit Generationen. Das gilt eben auch für die Torhüter: Da werden erfahrene und verdiente National- oder Bundesligaspieler in die Verbandsarbeit mit einbezogen. In England, ich habe erst neulich mit Gordon Banks und Geoff Hurst gesprochen, ist das nicht der Fall. Und dass England ein Torwartproblem hat, ist ja bekannt.

Welches würden Sie als das Spiel Ihres Lebens bezeichnen?

Das WM-Qualifikationsspiel 1960 in Griechenland. Weil es ein torwarttechnisch ideales Spiel gewesen ist. Wirklich alles hat geklappt: Wenn der gegnerische Linksaußen geflankt hat, habe ich es geschafft, den Ball auf unseren Linksaußen zurück zu fausten, sodass er den Ball wieder aufnehmen konnte. Die Bälle, die aufs Tor kamen, konnte ich alle festhalten oder zur Seite abwehren. Wir haben das Spiel 3:0 gewonnen, nachdem ich beim Stand von 1:0 noch einen Elfmeter gehalten habe. Die Bestätigung kam nach dem Spiel von Herberger persönlich, der ja sonst immer sehr sparsam mit seinem Lob umgegangen ist. Er sagte: "Abwürfe und Abstöße sind alle angekommen - das war ein perfektes Spiel."

Kann man das Elfmeter töten trainieren?

Nun, zunächst hat man seine Kartei im Kopf, wo welcher Spieler hinschießt. Deswegen konnte ich auch über Lehmanns Zettel vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien nur den Kopf schütteln – wie das aufgebauscht wurde! Dann musst du noch die äußeren Bedingungen mit einberechnen: Im Nationalmannschaftstraining hat mir Beckenbauer einmal die Bälle mit dem Außenrist in den Winkel gehauen. Das konnte er aber nur, weil es trocken und der Ball leicht war. Als ich mit Dortmund in München gespielt habe, war dort richtig englisches Wetter. Der Ball war mit Wasser vollgesogen und ganz schwer, da funktionierte das nicht. Ich wusste also, dass Beckenbauer den Ball mit der breiten Seite schießen musste. Darauf konnte ich mich einstellen und so seinen Elfmeter halten.

Wen halten Sie für den besten Torhüter aller Zeiten?

Das vermag ich nicht zu beurteilen. Die Frage finde ich auch überflüssig: Sehr gute Torhüter hat es viele gegeben, von denen ich schon viele nicht mehr spielen sehen konnte. Ich denke, dass jeder dieser sehr guten Torhüter auf die ein oder andere Weise eine bestimmte Art hatte zu spielen. Ab einem bestimmten Niveau gibt es kein besser oder schlechter mehr, sondern nur noch ein anders.

Gibt es den unhaltbaren Ball, den man dann doch hält, wirklich?

Der Torhüter wird in den Statistiken gern nach den gefangenen Gegentoren bewertet. Die Unhaltbaren zählt aber niemand. Doch es gibt sie. Es sind die Bälle, bei denen du dich hinterher selbst fragst, wie du den noch rausgeholt hast, und dir die Antwort schuldig bleiben musst.

Fliegen Sie nachts in Ihren Träumen noch durch den Strafraum?

Nein. Ich habe auch früher nicht vom Fußball geträumt – ich habe immer schon einen sehr guten Schlaf gehabt.

Ich entschuldige mich schon im Vorfeld für die letzte Frage, aber ich kann das Gespräch nicht beenden, ohne sie gestellt zu haben ...

(lachend) Er war nicht drin.

Das Gespräch führte Johannes Lindenlaub  

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