• WM Wartezimmer: Die Zeit heilt alle Wunder Drogbas Genesung und andere Blitzheilungen

WM Wartezimmer : Die Zeit heilt alle Wunder Drogbas Genesung und andere Blitzheilungen

Hinfällig. Vor elf Tagen brach sich Didier Drogba den Ellbogen. Foto: dpa
Hinfällig. Vor elf Tagen brach sich Didier Drogba den Ellbogen. Foto: dpaFoto: dpa

Mit schmerzverzerrtem Gesicht lag Didier Drogba auf dem Rasen von Sion und einem ganzen Land fuhr der Schreck in die Glieder. In der 18. Minute des Testspiels zwischen der Elfenbeinküste und Japan am 4. Juni brach sich der Stürmerstar des FC Chelsea den Ellbogen bei einem harmlos wirkenden Zusammenprall. Nur kurze Zeit später stand er wieder auf dem Trainingsplatz – die WM hatte ihre erste Wunderheilung.

Denn fast jedes Turnier hat Geschichten hervorgebracht, in denen unersetzbare Spieler es durch eine Blitzgenesung wieder auf das Feld schafften. Italiens Kapitän Franco Baresi überraschte alle, als er 1994 trotz einer Knieverletzung im WM-Finale auflief. Vier Jahre später war es Brasiliens Stürmerstar Ronaldo, dessen schnelles Kurieren einer Knieverletzung mythenhafte Züge annahm. Laut brasilianischen Medienberichten soll das angebliche Wunder durch eine schmerzstillende Spritze Stunden vor dem Anpfiff bewirkt worden sein – Ronaldos achte Injektion während des Turniers in Frankreich.

Spieler nehmen bei einer WM alles in Kauf. Toni Schumacher stand im deutschen Tor mit nicht mehr belastbaren Kreuzbändern, im EM-Finale 1980 spielte er mit gebrochener Hand durch. Schumacher sagt: „Tabletten wurden regelmäßig genommen. Soviel, dass ich heute den Eindruck habe, manche nicht mehr zu vertragen oder dass die nicht mehr wirken.“ In diesem Lichte verlieren selbst Wunderheilungen ihren Zauber.

Heinz Liesen betreute als Arzt die deutsche Nationalmannschaft bei den Weltmeisterschaften 1986 und 1990, der Umgang mit Schumacher war für ihn als Arzt nicht einfach. „Toni ließ sich nicht beirren und hat sich auch gegen meinen Rat irgendwelche Tabletten besorgt.“ Der überbordende Ehrgeiz des deutschen Keepers ist dem Mediziner noch heute im Gedächtnis: „Bei den Turnieren hat er sich im Hotelzimmer einen eigenen Kraftraum eingerichtet.“

Liesen hat aber auch seine Bedenken, dass eine Wunderheilung bei den großen Turnieren nicht nur auf Schmerzmittel und den Ehrgeiz des Spielers zurückzuführen ist. „Manchmal wird eine kleine Verletzung auch dramatisiert. Da steckt eine gewisse Profilierungssucht der Ärzte dahinter.“ Gerade wegen des gesteigerten medialen Echos seien Meldungen einer Wunderheilung vor allem PR-Maßnahmen der Fußball-Doktoren.

Doch der Glaube der Öffentlichkeit an die magischen Hände der Docs ist ungebrochen. Der frühere deutsche Nationalspieler Jens Nowotny ließ einen Syndesmosebandriss von Leverkusens Physio Dieter Tzolek mit Weißkohlsuppe behandeln. Gebracht hat es nicht viel, Nowotny plagte eine Verletzung nach der nächsten. Doch für kurze Zeit flüsterte man wieder von Wunderheilung.Ron Ulrich

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