Sport : Wo Berlin Stimmung macht

Eisbären, Alba, Füchse und Volleys spielen vor vielen Zuschauern und in ihren Ligen vorne mit. Wo ist die Atmosphäre im Berliner Hallensport am besten? Eine Rundreise im Schatten des Fußballs.

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Selten war die Chance auf mehr Öffentlichkeit so groß wie jetzt, da Berlin mal wieder ohne Erstliga-Fußball daherkommt. Eisbären, Alba, Füchse und Volleys spielen regelmäßig vor mehreren tausend Besuchern und in ihren Ligen ganz vorn mit. Wo ist die Stimmung am besten, wo das Rahmenprogramm am kreativsten? Und was sind das eigentlich für Menschen, die regelmäßig zum Eishockey, Basketball, Handball und Volleyball gehen?

VOLLEYBALL, CHAMPIONS LEAGUE:

BERLIN VOLLEYS – BUDEJOVICE 3:0

Der Oberrang der Max-Schmeling-Halle ist verhüllt, die Halle zur Hälfte gefüllt, 3875 Besucher. Das Publikum ist überwiegend jung, man trägt Hemd und Strickpulli. Alles ziemlich akademisch. Wenige Minuten vor dem ersten Aufschlag besprechen zwei junge Frauen in der ersten Reihe die weltpolitische Lage, es geht um den Nahost-Konflikt. Ein bisschen Pech haben sie ja auch an diesem Europapokal-Abend. Weil es die Statuten des europäischen Volleyball-Verbands (CEV) untersagen, dürfen die Volleys nicht ihr gewohntes Show-Programm abspulen, das bei den Spielen in der Bundesliga normalerweise zur Aufführung kommt: Die Halle wird nicht abgedunkelt, logischerweise entfallen auch Spotlight und Nebelschwaden bei der Vorstellung der Mannschaft. Wenn der CEV Langeweile verordnet, müssen die Besucher diese längst noch nicht umsetzen. Eine Horde Trommler gibt den Takt vor, an den sich die Klatschpappenmasse hält. Nach 99 Minuten gewinnen die Volleys nicht unverdient mit 3:1, die Fans gehen zufrieden nach Hause. Und der Hallensprecher erinnert noch einmal daran: „Beim nächsten Heimspiel wieder normales Programm.“

HANDBALL, CHAMPIONS LEAGUE:

FÜCHSE – CROATIA ZAGREB, 29:27

Bei den Handballern der Füchse gehören Superlative ebenso zum Standard-Repertoire wie die Mischung aus Licht- und Feuershow beim Einlauf der Mannschaften. Der Hallensprecher begrüßt die Besucher in der „geilsten Stadt der Welt“, so wie er sie bei Bundesliga-Spielen in der „stärksten Handball-Liga der Welt“ begrüßt. Zumindest letzteres gilt als unumstritten. Ansonsten bedient sich Berlins bester Handballklub in der SchmelingHalle des üblichen Programms: Halle abdunkeln, Maskottchen herumspringen lassen, Klatschpappen auslegen, animieren („Steht auf, wenn ihr Füchse seid!“). 5385 Besucher sind in die Schmeling-Halle gekommen, darunter viele Kroaten. Die Atmosphäre zwischen den Fan-Lagern ist ausgesprochen freundschaftlich. Man neckt sich gegenseitig, ein kroatischer Fan zieht im Vorbeigehen am Fuchsschwanz eines Berliner Fans, den dieser als eine Art Mütze trägt. So wie das viele im Fanblock tun. Und das Publikum? Eher reiferes Semester. Aber auf der Entwicklungsskala auf einem guten Weg vom klassischen Event- hin zum echten Fachpublikum. Handball-Nationaltorhüter Silvio Heinevetter sagt: „Die Schmeling-Halle ist aus meiner Sicht eine der drei besten und lautesten, die ich kenne.“

EISHOCKEY, DEL:

EISBÄREN – KREFELD PINGUINE 3:4 N.V.

Bis zu 40 Leute umfasst die Crew, die bei Heimspielen der Eisbären für Unterhaltung und Effekte sorgt. Und von diesen gibt es einige: angefangen bei einem Feuerwerk, das die Blicke vom Videowürfel in der Arena am Ostbahnhof ablenkt und manchen Besucher kurz zusammenzucken lässt, über Schlittschuh fahrende Maskottchen und musikalischer Beschallung bis hin zu einem riesigen aufblasbaren Eisbären, aus dessen Maul die Spieler schließlich auf das Eis laufen. Noch scheinen die 14 100 Besucher in der Halle allerdings zu schlummern, das Licht bleibt bis zum Stockschlag gedämmt – der Startschuss für den harten Eisbären-Kern in der Kurve. Auch in unserem Block herrscht große Aufregung, was allerdings nur bedingt mit dem frühen 0:2-Rückstand der Berliner zusammenhängt. Das Publikum ähnelt der Sportart: Verbal geht es ziemlich rau zu auf der Tribüne, man könnte sagen: an der Grenze zum Groben. „Hier wird ja Eishockey jespielt“, stellt ein sichtlich angetrunkener Fan nach einem kurzen Nickerchen fest. Wie man bei diesem Lärm überhaupt einschlafen kann, bleibt sein Geheimnis.

BASKETBALL, BUNDESLIGA:

ALBA BERLIN – BAYERN MÜNCHEN 82:70

Neben den Baskets aus Bamberg zählt die neureiche Basketball-Abteilung des FC Bayern zu den erklärten Erzfeinden der Alba-Fans, insofern ist das Heimspiel gegen die Münchner ein Festtag für Berlins Basketballer. Nachdem sich der Rauch des Feuerwerks in der Halle verflüchtigt hat, beginnt der Arbeitstag für die beiden Anheizer im Fanblock, quasi die Alba-Capos, die mit ihren Megafonen und Kapuzenpullis durchaus an ihre Pendants aus dem Fußball erinnern und fast ausschließlich mit dem Rücken zum Feld stehen. An diesem Sonntagnachmittag liegen zudem kreative Klatschpappen in Form Berliner Ortseingangsschilder aus. München ist darauf natürlich durchgestrichen. Die meisten der 12 100 Zuschauer greifen zu, sie lassen sich gern animieren – weil die Reizpunkte im Unterhaltungsprogramm unter all den kleinen Einspielern und Tanzeinlagen sehr bewusst gesetzt sind. Als Jan Jagla beim Stand von 50:28 eine starke Bewegung zum Korb zeigt und den Rückstand verkürzt, skandieren sie im Fanblock nur drei Buchstaben: „N-B-A, N-B-A“. Schadenfreude ist eben die schönste Freude.

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