Sport : Wo ist die Leine?

In Athen wird unter freiem Himmel geschwommen – das birgt Probleme

Frank Bachner[Athen]

Antje Buschschulte hat sich alle Mühe gegeben. Aber sie hat diese verflixte Leine mit den vielen Fähnchen kaum gesehen. Sie musste ja die Augen zusammenkneifen, weil sie direkt in die grelle Sonne blickte. So ist das im Pool des Olympiazentrums in Athen. Weil die Griechen es leider nicht geschafft haben, ein Dach über das Stadion zu bauen, müssen Rückenschwimmerinnen bei der Ausübung ihrer Disziplin die Augen zu Schlitzen verengen. Als Buschschulte, die Weltmeisterin über 100 m Rücken, nach ihrem ersten Training aus dem Pool stieg, sagte sie: „Es ist nicht ganz optimal, dass ich die Leine nicht gesehen habe.“ Die Leine begrenzt die Bahn, und die Fähnchen zeigen den Schwimmern, dass sie noch fünf Meter vom Beckenrand entfernt sind. „Es gab schon Leute, die sind mit dem Kopf gegen die Wand geknallt, weil sie die Leine nicht gesehen haben“, sagt Dirk Lange, der langjährige Trainer der mehrfachen Weltmeisterin Sandra Völker.

Aber es reicht auch schon, wenn ein Schwimmer durch die Suche nach der Leine abgelenkt wird. „Jede unnötige Bewegung des Kopfes kostet Zeit“, sagt Lange. Immerhin geht es um Hundertstelsekunden. „Das summiert sich schnell“, sagt Lange.

Hinzu kommt die Hitze, und zwar nicht nur in der Luft. Die Sonne heizt das Wasser auf. Doch Schwimmer reagieren hoch sensibel auf die Wassertemperatur, die bei den meisten Wettkämpfen in der Halle zwischen 27 und 28 Grad liegt. „Mehr als 28 Grad wird als Brühe empfunden“, sagt der deutsche Chef-Bundestrainer Ralf Beckmann. Vor allem aber „wird zu warmes Wasser weich“, sagt Lange. „Dann ist der Abdruck nicht mehr so groß, die Schwimmer müssen mit mehr Krafteinsatz arbeiten.“ Und je größer und schwerer ein Athlet sei, umso größer würden durch aufgeheiztes Wasser seine Probleme.

Außerdem bekämen Schwimmer dann auch noch eine „dicke Birne“, sagt Lange. Aber das ist eher ein kleines Problem. Dass einem die Sonne auf den Kopf brennt, lässt sich verkraften, wenn die Athleten nach dem Rennen wieder in den Schatten kommen. Lange hat aber auch schon erlebt, „dass die anderen Schwimmer aufgefordert wurden, auf der Tribüne in der prallen Sonne zu sitzen und andere anzufeuern“. Ob solche Gruppenauftritte in der Sonne auch in Athen zum Programm gehören werden, ist noch unklar.

Franziska van Almsick winkt genervt ab. Soll sie das vielleicht beunruhigen? Sie hat ganz andere Probleme: Sie will Gold über 200 Meter Freistil. Endlich, im vierten Anlauf. „Hitze, warmes Wasser, fehlendes Dach, ja und? Ehrlich gesagt, sind mir diese Punkte ziemlich egal.“ Die Bedingungen seien für alle gleich: „Da springt man rein und schwimmt los.“

Andererseits ist sie auch gut auf die Gegebenheiten vorbereitet. Die deutschen Schwimmer trainieren seit Jahren in sengender Hitze, zum Beispiel auf Mallorca. Daher kennen sie aufgeheiztes Wasser und eine blendende Sonne. Das stimme zwar, gibt Ralf Beckmann zu, der Chef-Bundestrainer der deutschen Schwimmer. „Aber man kann sich nicht hundertprozentig auf solche Bedingungen vorbereiten. Man kann da nur Erfahrungen sammeln. Denn im Wettkampf kommt ja noch der besondere Stress hinzu.“

Die Deutschen haben sich auf die Hitze in Athen zumindest so gut vorbereitet, wie es möglich war. Der Testlauf habe genau genommen vor zwei Jahren begonnen, sagt Beckmann. Schon einen Teil der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft 2003 hat Beckmann bewusst in Freibäder und in warme Gebiete legen lassen. Trainingslager in Südafrika, Wettkämpfe auf einer Insel im Indischen Ozean, Hauptsache heiß und schwül. Beckmann hat sich nicht davon täuschen lassen, dass die Finalrennen in Athen am Abend stattfinden. Die Vorläufe gehen vormittags über die Bühne. Und in Athen kann es schon morgens um neun Uhr bis zu 30 Grad warm sein.

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