Sport : Wo liegt der entscheidende Fehler?

Eine Analyse zum Zustand des Weltfußballs im Frühjahr 2005

Wolfram Eilenberger

Endlich hat auch der Fußballweltverband seine irrationale Blockadehaltung aufgegeben. Befragt auf den möglichen Einsatz von Überwachungstechniken zur Schiedsrichterunterstützung, antwortete Präsident Joseph Blatter letzte Woche: „Ich schließe nichts mehr aus.“ Ein längst überfälliger Innovationsschritt wurde damit in Aussicht gestellt. Zunächst wird der Chip im Ball getestet, ein Chip für Spielerstutzen samt angekoppelter Abseitsentscheidungshilfe steht ebenfalls bald zum Test bereit. Der situativ einzusetzende Videobeweis komplettierte die Maßnahmen. Dann wäre es vorbei mit leidigen Fehlentscheidungen.

Es war ein langer Kampf gegen die Technikfeinde und Pseudopuristen, die sich in ihrer ideologisch verbrämten Widerstandshaltung bis zuletzt eines Arguments bedienten, das nie eines war. Vom unbedingten Bekenntnis zu einem „Fußball mit menschlichem Antlitz“ war die Rede. Angespielt wurde damit vor allem auf die Fehlbarkeit des Schiedsrichters. Als ob es der vermeidbare Fehler wäre, der den Mensch zum Menschen, den Fußball zum Fußball macht. Was war denn je gut an dieser Fehlbarkeit? Wir verfügen endlich über Mittel, diese Anfälligkeit auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Die totale Überwachung nutzt jedem! Den Spielern. Den Fans. Den Verantwortlichen. In erster Linie aber den Schiedsrichtern selbst. Ihre Autorität wird nicht untergraben, sondern gestärkt! An die Stelle von Verschwörungstheorien und Manipulationen treten Tatsachen – nicht Tatsachenentscheidungen. Professionell geführte Vereine bedienen sich solcher Überwachungstechniken – vor allem zur Fehleranalyse. Der Erfolgstrend zur möglichst kohärenten und kontrollierten Neuformation des Gesamtteams in jedem Spielmoment ist nicht zuletzt das Ergebnis solcher Analysemethoden.

Die erfolgreichsten Vereine legen ihren Schwerpunkt ebenfalls auf Fehlerminimierung. Ob Magath in München, Ancelotti beim AC Mailand oder José Mourinho in London, keinem dieser Trainer wird je ein Bekenntnis zur Fehlbarkeit seiner Spieler über die Lippen kommen. Auf dieser Verweigerung gründet ihre Erfolgsphilosophie. Ihr Ideal ist nicht etwa der totale Fußball, sondern totale Spielkontrolle. Ihre Partien gleichen zwar eher Aufführungen als Spielen, werden aber absehbar gewonnen. So sieht Fortschritt konkret aus.

Natürlich ist nicht alles rosig. Schließlich gibt es noch einen dritten Trend im internationalen Fußball: die ethische Verwahrlosung. Mannschaftskapitäne grüßen ihre Fans mit dem Faschistengruß (wie unlängst bei Lazio Rom), Nationaltrainer dürfen ihre Gegner als „Scheißneger“ degradieren (wie in Spanien geschehen), Spieler sich im Kabinengang prügeln (vielerorts) und Vereine ihre Spieler über Jahre mit Doping vollpumpen (so offenbar bei Juventus Turin geschehen). Und das alles, wie in den letzten Monaten hervortrat, ohne nennenswerte Bestrafung oder Sanktion seitens der Verbände. Aber doch nicht in Deutschland. Vorsicht: Genau das wurde bei Schiedsrichtermanipulationen und kriminellen Bilanzfälschern auch lange behauptet! Fügt man diese drei Entwicklungen zusammen, gerät man auf folgende Trenddiagnose: Die technische Optimierung des Fußballs auf allen Ebenen geht mit seiner ethischen Verwahrlosung einher. Insbesondere zwischen ethischer Verwahrlosung und der nahenden Einführung technischer Überwachungshilfen besteht ein Bedingungsverhältnis. Es ist der Verfall des Spiel- und Spielerethos, der dieser Forderung im Profigeschäft ihre eigentliche Dringlichkeit verleiht.

Ach, alles Schwarzmalerei. Diese angebliche Verwahrlosung ist doch nur ein Journalistenprodukt; das unvermeidliche Ergebnis der gesteigerten und immer detaillierteren Beobachtung, unter welcher der Profifußball steht. Wenn man nur genau genug hinschaut, finden sich überall Schweinereien und Verfehlungen, die sich aufbauschen lassen. Stimmt. Das wäre dann fast ein Argument, mit diesem Artikel noch mal von vorn anzufangen.

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