• Wochenlang war Martina Hingis völlig untergetaucht, jetzt versucht sie in San Diego einen Neuanfang

Sport : Wochenlang war Martina Hingis völlig untergetaucht, jetzt versucht sie in San Diego einen Neuanfang

Stefan Liwocha

Natürlich war es reiner Zufall, dass Martina Hingis im erdfarbenen Fango-Dress ihres neuen Ausrüsters auf dem Center Court zur Arbeit erschien. Doch irgendwie passte der Tennis-Tarnanzug zum Comeback der Schweizerin, die nach einer sechswöchigen Pause etwas verunsichert auf die große Show-Bühne zurückkehrte. Nach dem Eklat im Finale der French Open gegen Steffi Graf und dem Erstrunden-Aus in Wimbledon gegen Jelena Dokic wusste die Weltranglistenzweite nicht, wie sie die amerikanischen Fans im La Costa Resort nördlich von San Diego empfangen würden. Doch das große Spießrutenlaufen blieb aus. "Ich bin froh, wieder zurück zu sein", meinte Hingis über das Stadionmikrofon zu den 5000 Fans, die die 18-Jährige am Dienstag Nachmittag freundlich, aber keineswegs euphorisch begrüßt hatten.

Die Schweizerin strahlte wie die kalifornische Sonne, nachdem sie ihr Auftaktmatch beim mit 520 000 Dollar dotierten WTA-Turnier gegen Chanda Rubin (USA) in 73 Minuten mit 7:5, 6:3 gewonnen hatte. "Obwohl nicht alles großartig war, bin ich mit meiner Leistung doch sehr zufrieden", meinte Hingis, die mit ihrem Sieg gegen die Nummer 23 der Welt wieder verloren gegangenes Selbstvertrauen tankte. Nach einem Kurzurlaub auf Zypern hatte die Tennisspielerin im harten vierwöchigen Training in ihrer neuen Heimat Saddlebrook in Florida die körperlichen Grundlagen für eine versöhnliche zweite Saisonhälfte gelegt. Denn dies wurde bereits beim ersten Match deutlich: Hingis, die vor zwei Jahren in den USA als "Swiss Miss" und "Sweet 16" bejubelt wurde, kann die Herzen der Fans nur durch Leistung zurückgewinnen.

Zwar liegt für Hingis das Wimbledon-Debakel vom Gefühl her schon "zehn Jahre zurück", doch vielen Zuschauern ist das frühe Ausscheiden ebenso wie der peinliche Auftritt in Wimbledon noch in bester Erinnerung. Die großen amerikanischen Zeitungen widmeten dem Comeback der Schweizerin längere Berichte, wobei zahlreiche Vorgängerinnen des Tennis-Stars ihre Weisheiten preisgaben. "Ein professioneller Athlet zu sein, das ist ein langer Lernprozess", erklärte Billie Jean King, "momentan bläst Martina der Wind ins Gesicht, aber es werden wieder bessere Zeiten kommen." Auch Chris Evert ist überzeugt davon, dass Hingis den Charaktertest bestehen wird, weil sie die "Mentalität eines Champions" hat.

Nicht gerade mit Samthandschuhen fassten viele amerikanische Journalisten die Topspielerin an. Die renommierte "New York Times" sah Hingis bereits auf dem besten Weg, ein Flegel wie John McEnroe zu werden, und die "Los Angeles Times" gab ihrem neuen Ausrüster den Rat, der Schweizerin extra eine Handtuch-Kollektion "zum Ausheulen" zu widmen. Überhaupt - und das ist der eigentliche Gipfel - sei Hingis 1996 als 16-Jährige nur auf den Tennis-Thron gestiegen, weil ältere Spielerinnen wie Graf und Seles Probleme hatten und jüngere wie Davenport und Williams noch nicht reif genug waren. "Das Spiel hat sich in den vergangenen zwei Jahren gewaltig geändert", sagte Steffi Graf, "die Spielerinnen sind größer und körperlich stärker - und es wird schwer für Martina werden, auf diesem Niveau mitzuhalten."

Deshalb trainierte Hingis in Florida erstmals regelmäßig im Kraftraum, um ihre Schlaghärte zu steigern. Da auch ihre Mutter Melanie Molitor an die Seite der Topspielerin zurückkehrte, ist der Grundstein für eine erfolgreiche Zukunft gelegt. Die Amerikanerin Lindsay Davenport führt derzeit mit 289 Punkten Vorsprung die Weltrangliste an - und Hingis sagt klar und deutlich, dass sie am Ende des Jahres wieder ganz oben stehen will. "Das Leben ist ein harter Kampf", philosophierte die Schweizerin, die in den fünf Wochen Pause ihre Batterien neu aufladen konnte und nach dem Sieg über Rubin von einem "Neuanfang" sprach.

In den kommenden Monaten muss sich die 18-Jährige nun wieder den Respekt erarbeiten, den sie in Paris und Wimbledon verlor. Die Zuschauer in San Diego behandelten sie im Vergleich zum Vorjahr nicht wie eine Tennis-Königin. "Es war gut, dass sie ein paar Wochen untergetaucht ist", sagte die amerikanische Journalistin Nicole Vargas, die die US Open in New York als den ultimativen Test für Hingis ansieht. Wie sang doch bereits Frank Sinatra: Schafft man es in New York, dann schafft man es auf der ganzen Welt. Im übertragenen Sinn muss die Schweizerin in New York die Reifeprüfung bestehen.

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