Wolfgang Holzhäuser : Nachdenker, Vordenker, Querdenker

Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser hört am Montag nach 15 Jahren bei dem Werksklub auf. Damit nimmt er auch Abschied vom Fußball, den er mitgeprägt hat.

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Der spinnt, der Holzhäuser. Das zumindest haben die Kollegen immer wieder gesagt, wenn Leverkusens Geschäftsführer mal wieder mit schrägen Ideen um die Ecke kam. Nach vier Jahrzehnten tritt Holzhäuser nun zurück. „Ich hab’s mir leichter vorgestellt“, sagt er.
Der spinnt, der Holzhäuser. Das zumindest haben die Kollegen immer wieder gesagt, wenn Leverkusens Geschäftsführer mal wieder mit...Foto: dpa

Zu den Auswärtsspielen seiner Mannschaft fährt er schon seit längerem nicht mehr. Und selbst von den Heimspielen schaut er sich nur noch die Hälfte an. Nach der Pause bleibt der Platz von Wolfgang Holzhäuser auf der Tribüne in der Regel leer. Der Geschäftsführer von Bayer Leverkusen tigert dann lieber durch die Katakomben der Arena. Er sagt, dass er das vermissen werden. Aber alles andere?

Früher konnte er vor den Spielen nicht schlafen, inzwischen fällt ihm das auch nach den Spielen zunehmend schwerer. Und ins Stadion fährt er nicht voller Vorfreude aufs Spiel, sondern mit Angst vor dem Ergebnis. So ist in Holzhäuser die Erkenntnis gereift: Es reicht. Eigentlich läuft sein Vertrag als Sprecher der Geschäftsführung von Bayer 04 noch ein Jahr, aber an diesem Montag hört er auf. „Ich habe mir vorgenommen, irgendwann den Zeitpunkt selbst zu bestimmen“, sagt er nach fast vier Jahrzehnten im Fußball. „Aber ich hab’s mir leichter vorgestellt.“

23 Jahre Deutscher Fußball-Bund, 15 Jahre Bayer Leverkusen: Holzhäuser hat die Epoche, in der sich der Fußball vom Proletensport zur ernstzunehmenden gesellschaftlichen Größe entwickelt hat, nicht nur miterlebt, er hat sie auch mitgestaltet. Trotzdem hat der Fußball sich schwergetan mit dem Betriebswirt aus Hessen. Das lag vor allem am Fußball und seiner Vorliebe für Macher; Holzhäuser hingegen, der Jazz-Liebhaber und Weinkenner, ist immer eher Denker gewesen: Nachdenker, Vordenker, Querdenker.

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In seiner Zeit beim DFB hat er das Lizenzierungsverfahren mit auf den Weg gebracht, für die Einführung von Relegationsspielen gestritten und an der Ausgliederung der Liga in die DFL mitgewirkt. Noch heute findet er es nicht verboten, sich Gedanken zu machen, wie der Fußball seine Position als führende Sportart behaupten kann. Ist es ein Grundrecht, dass die Bundesliga immer mehr Geld für die gleiche Leistung erhält? Nein, findet Holzhäuser. Tennis, Hockey, Langlauf, Tischtennis: Etliche Sportarten haben sich in den vergangenen Jahren hübsch gemacht fürs Fernsehen. Nur der Fußball sagt stets nein, wenn er mit dem Wunsch nach Neuerungen konfrontiert wird.

Holzhäuser hat es immer verstanden, die Besitzstandswahrer des Fußballs mit seinen Einlassungen aufzuschrecken. Mit dem Vorschlag etwa, den Deutschen Meister nach Ablauf der regulären Saison in einer Finalrunde mit vier Teams zu ermitteln. Oder mit der Idee einer Solidaritätsabgabe an Sportarten, die durch die Omnipräsenz des Fußballs im Fernsehen immer mehr an den Rand gedrängt werden. „Ich weiß, dass die Kollegen sagen: Jetzt spinnt er wieder“, erzählt Holzhäuser.

Doch der 63-Jährige hat sich von mächtiger Gegenrede nie irritieren lassen. Vielleicht war gerade seine Anfangszeit in Leverkusen in dieser Hinsicht eine gute Schule. Zwei Welten sind damals aufeinandergeprallt: hier der – im Wortsinne – Bauchmensch Reiner Calmund, da der Kopfmensch Holzhäuser. „Die ersten Jahre waren sicher nicht ganz so einfach“, sagt Holzhäuser. Gefühl gegen Kalkül, Maßlosigkeit gegen Vernunft – so wurde die Konstellation in Bayers Geschäftsführung damals wahrgenommen. Neben dem barocken Fußballfürsten Calmund, einem Magier der Emotionen, konnte Holzhäuser als Herr über Zahlen und Bilanzen nur blass wirken. Er galt als Sparkommissar und später als Königsmörder, nachdem Calmund 2004 seinen Platz bei Bayer räumen musste. „Es war schwer, auf den Volkstribun Reiner Calmund zu folgen“, sagt Holzhäuser.

Aus Bayer Leverkusen ist seitdem ein anderer Verein geworden. Holzhäuser hat dem Klub die Folklore ausgetrieben. Ob man das gut oder schlecht findet, ist vermutlich vor allem eines: Ansichtssache. Ohne Emotionen ist die Außenwirkung Bayers eher dürftig, das muss selbst Holzhäuser zugeben. „Bayer Leverkusen wird viel zu wenig bundesweit gewürdigt“, klagt er. Andererseits: Wo ein Übermaß an Folklore hinführt, können die Leverkusener bei ihrem Nachbarn 1. FC Köln beobachten. „Wir haben ein paar Fehler weniger gemacht als andere“, findet Holzhäuser, „das kann ich voller Stolz sagen.“

Unter seinem Vorgänger Reiner Calmund haben sie bei Bayer noch das ganz große Rad gedreht und tränenreich ihre Vizemeisterschaften begangen. Inzwischen zählen andere Werte, selbst mit dem solventen Bayer-Konzern im Rücken. „Wir haben uns wirtschaftlich konsolidiert“, sagt Holzhäuser. „Und unsere Infrastruktur kann sich sehen lassen.“ Dass das Rad inzwischen wesentlich kleiner geworden ist, hat nicht der scheidende Geschäftsführer zu verantworten. Die großen strategischen Linien werden nicht in Bayers Fußballabteilung vorgegeben, sondern in den oberen Etagen des Gesamtkonzerns. Der scheinbar ewige Vize Bayer freut sich heute sogar über dritte Plätze. So wie in der vorigen Saison, als die Leverkusener hinter Meister Bayern und Borussia Dortmund einliefen. „Wir lagen einen Punkt hinter der zweitbesten Mannschaft Europas“, sagt Holzhäuser. Für ihn sei das „eine gefühlte deutsche Meisterschaft“ gewesen.

Auch wegen solcher Deutungen muss sich Bayers Geschäftsführer vorhalten lassen, ihm fehle die letzte Leidenschaft für den Fußball. Aber Leidenschaft heißt auch: leiden müssen, und das hat Wolfgang Holzhäuser mit Bayer zur Genüge getan. Am meisten wahrscheinlich im Mai 2000, als das Original der Meisterschale schon im Sportpark Unterhaching stand, wo den Leverkusenern ein Punkt gereicht hätte, um erstmals den Titel zu holen. Sie verloren 0:2, Meister wurden, wie immer, die Bayern. „Ich bin nie wieder nach Unterhaching gefahren“, sagt Wolfgang Holzhäuser. „Und werde es auch nie wieder tun.“

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