Sport : Wolfsburg minus eins

Mit Martin Petrow verliert der VfL auch einen Teil seiner Ambitionen

Steffen Hudemann

Wer hat das Sagen im Verein? Volkswagen. Das wird jedem Spieler klar, wenn er das erste Mal auf dem Trainingsplatz des VfL steht – links die Volkswagen-Arena, rechts, so weit das Auge reicht, die Türme und Schlote des Volkswagen-Werks. Wer hier spielt, der weiß, wer sein Gehalt bezahlt.

Was hat sich verbessert? Der Streit zwischen dem ehemaligen Trainer Erik Gerets und Sportdirektor Thomas Strunz belastete die Mannschaft in der vergangenen Saison. Gerets ist zum Saisonende zurückgetreten, mit Holger Fach hat Strunz einen Mann seiner Gunst nach Wolfsburg geholt. Die Qualität des Kaders hat sich dagegen verschlechtert. Der frühere Schalker Mike Hanke ist zwar ein mehr als gleichwertiger Ersatz für Thomas Brdaric (nach Hannover), doch der Verlust von Martin Petrow, der zu Atletico Madrid wechselte, wiegt schwer. Lewan Zkitischwili, der gestern verpflichtet wurde, wird ihn nicht ersetzen können.

Wie sicher ist der Job des Trainers? Der Sponsor und die Verantwortlichen im Klub erwarten, dass der VfL früher oder später die Champions League erreicht. Wenn die Mannschaft von Holger Fach sich zu lange im Niemandsland der Tabelle aufhält, wird der Trainer Probleme bekommen. Eine Entlassung wäre aber auch eine Niederlage für Thomas Strunz. Deshalb ist Fachs Job zumindest bis zur Winterpause relativ sicher.

Welche Taktik ist zu erwarten? In der vergangenen Saison erzielte Wolfsburg seine Tore vor allem durch Konter und Kopfbälle. Der Grund: Martin Petrow. Der Bulgare gehörte zu den besten Konterspielern der Liga und schlug perfekte Flanken. Ohne Petrow wird Wolfsburg seine Taktik also umstellen müssen. Wahrscheinlich wird Fach wieder mit einem 4-4-2-System spielen, das noch stärker auf Spielmacher Andres d’Alessandro zugeschnitten sein wird als bisher.

Welche Platzierung ist möglich? Mit der Mannschaft der vergangenen Saison hätte Wolfsburg um Platz fünf mitspielen können. Nach dem Abgang von Petrow ist aber selbst Trainer Fach skeptisch. „Ohne ihn kann man nicht das gleiche Ziel haben. Wir haben keine Veranlassung, über den Uefa-Cup zu reden“, sagte der Trainer. Für Petrow erhält Wolfsburg angeblich 8,5 Millionen Euro Ablöse – diese Summe muss der Klub wieder investieren, wenn mehr als ein Platz im UI-Cup herausspringen soll.

Wer sind die Stars? Der Star ist zweifellos Andres d’Alessandro. Der Argentinier ist der beste Spieler der Bundesliga – wenn er denn will. Leider wollte d’Alessandro in der letzten Saison vor allem weg aus Wolfsburg, und zwar so schnell wie möglich. Nun muss der 24-Jährige, der einen Vertrag bis 2008 hat, noch mindestens ein Jahr in der niedersächsischen Provinz bleiben. Es spricht einiges dafür, dass er eine deutlich stärkere Saison spielen wird als im vergangenen Jahr. D’Alessandro möchte bei der WM spielen, und der Konkurrenzkampf in der argentinischen Nationalmannschaft ist hart. Außerdem wird d’Alessandro das Jahr nutzen, um sich für einen Wechsel zu Spitzenklubs in Italien und Spanien zu empfehlen.

Wer hat noch Chancen auf die WM? Der einzige deutsche Spieler, der sich Hoffnungen machen darf, ist Mike Hanke. Er ist vor allem deshalb nach Wolfsburg gewechselt, um im Jahr vor der WM mehr Spielpraxis zu bekommen als bei Schalke. Allerdings sind Hankes WM-Chancen nach seiner Roten Karte im letzten Confed-Cup-Spiel gegen Mexiko gesunken. Der 21-Jährige ist für zwei Pflichtspiele gesperrt. Und ob Bundestrainer Jürgen Klinsmann einen Spieler nominieren wird, der erst im dritten WM-Vorrundenspiel eingreifen kann, ist fraglich.

Wie sind die Fans? Wolfsburg hat die jüngsten Fans der Liga. Alte Stadionveteranen in verwaschenen Kutten sucht man hier vergeblich. Kein Wunder, vor 13 Jahren spielte der Klub noch in der Oberliga. Entsprechend lernbedürftig ist das Publikum. Wenn es nicht läuft, wird es schnell still im Fanblock. Aber der Klub bemüht sich um seine Fans. Die Eintrittspreise sind die niedrigsten der Liga, es gibt einen Stehplatzblock für Kinder und einen Spielplatz im Stadion. Die Maßnahmen zeigen Wirkung. Im vergangenen Jahr konnte der Klub zum zweiten Mal einen Partyzug auf Auswärtsfahrt schicken.

Die gesamte Serie im Internet:

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