Wolfsburgs Trainer im Interview : Armin Veh: „Jetzt geht es erst richtig los“

Armin Veh über Wolfsburgs Premiere in der Champions League, die mentale Anspannung und seine Aversion gegen den Trikottausch.

299833_0_3488763e.jpg
Armin Veh, 48, tritt am Dienstag mit seinem neuen Klub VfL Wolfsburg in der Champions League gegen ZSKA Moskau an.Foto: dpa

Herr Veh, wissen Sie aus dem Kopf, wie viele Europacupspiele Sie bestritten haben?


Ich müsste das eigentlich wissen, weil es so wenige waren. Das meinen Sie doch, oder? Ich weiß es trotzdem nicht.

Haben Sie wenigstens noch ein paar Erlebnisse parat?

Komischerweise fällt mir als erstes ein negatives ein, ein Spiel gegen Dundee United. Wir hatten zu Hause 2:0 gewonnen, sind dann als Borussia Mönchengladbach zu den Schotten rüber – und haben 0:5 verloren. Das war eine Katastrophe, kann ich Ihnen sagen. Der Uefa-Cup hatte damals ja auch noch eine ganz andere Wertigkeit.

Und die Reisen besaßen einen Hauch von Exotik.

Teilweise, ja. Das waren schon andere Zeiten, nicht so wie heute, wo du eine Maschine charterst. Damals mussten wir ein paar Mal umsteigen – in Flugzeuge, die ich heute im Leben nicht mehr betreten würde. In Craiova haben wir mal um 14 Uhr gespielt, und als wir morgens um zehn das Stadion besichtigen wollten, war das schon komplett voll. Die haben da einen richtigen Feiertag draus gemacht.

Das ist die Champions League für Wolfsburg auch.

Dass die Champions League etwas Besonderes ist, ist doch klar. Mit der Hymne, dem ganzen Drumherum. Aber das können Sie vorher gar nicht lange genießen. Der Fußballalltag ist heute so voll, am Samstag noch gegen Leverkusen, am Dienstag zum ersten Mal in der Champions League. Da arbeiten Sie eins nach dem anderen ab. Wir haben jetzt dreimal hintereinander in der Bundesliga verloren, aber das müssen wir aus den Köpfen kriegen. Wir blenden das aus, wir wollen uns in der Champions League rehabilitieren.
Machen Sie sich Gedanken, was die Champions League für den VfL bedeutet?

Mit der Meisterschaft hat sich der Verein schon ein Denkmal gesetzt, aber jetzt kann er sich auch international einen Namen machen. Von der sportlichen Qualität her ist die Champions League mehr als eine Welt- und Europameisterschaft. Da treten die besten Spieler der Welt an. Bei der WM spielen auch Costa Rica und Ekuador. Und bei der EM fehlen die starken Südamerikaner.

Befürchten Sie, dass Ihr Team vor dieser Qualität in die Knie geht?

Also, wir haben ja auch Qualität, sonst wären wir nicht dabei. Und das ist genau die Herausforderung, die wir haben wollten: uns mit den Besten zu messen. So kannst du dich auch weiterentwickeln. Darauf kann man sich schon freuen. Ich freue mich jedenfalls.

Die jüngsten Niederlagen dürften Ihre Freude ein wenig getrübt haben.

Natürlich haben uns die Ergebnisse geärgert, auch wenn ich nicht nur schlechte Dinge, sondern auch viel Gutes gesehen habe. Die Champions League ist ein anderer Wettbewerb, darauf hat die Mannschaft ein Jahr lang hingearbeitet. Wir wollen die Spiele mit Freude angehen.

Was wollen Sie mit dem VfL erreichen?

Manchester United ist sicher klarer Favorit in unserer Gruppe, aber die anderen drei Mannschaften …

…Wolfsburg, ZSKA Moskau und Besiktas Istanbul …

… werden um Platz zwei kämpfen. Den wollen wir erreichen.

Das ist sehr ehrgeizig.

Ich kann doch nicht Platz drei oder vier als Ziel ausgeben. Wir wollen weiterkommen. Und das können wir schaffen, ja.

Würden Sie das Erreichen der K.-o.-Phase in der Champions League der Titelverteidigung in der Meisterschaft vorziehen?

Das sind ja Fragen! Nein, die Meisterschaft ist das Größte. Und was heißt denn K.-o.-Phase? Wenn man im Achtelfinale ausscheidet, hat man nichts gewonnen. Und vielleicht ist man im nächsten Jahr gar nicht dabei – wenn man Meister wird, ist man auf jeden Fall qualifiziert.

Ist die Champions League eine Sucht, wenn man einmal dabei war?

Von Sucht halte ich generell nichts. Sucht ist kein guter Wegbegleiter, egal in welcher Form. Aber wenn man den Fußball liebt, dann ist die Champions League was Schönes.

Ihre Erfahrung mit dem VfB Stuttgart war alles andere als positiv: Sie haben fünf von sechs Spielen verloren.

Das Ausscheiden mit dem VfB hat mich schon gewurmt, aber überrascht hat es mich nicht. Bei uns waren damals permanent acht Stammspieler verletzt. In der Bundesliga sind wir fast auf einen Abstiegsplatz abgerutscht, und in der Champions League hast du dann erst recht keine Chance.

Ähnliche Probleme hatten auch andere deutsche Mannschaften: Hertha BSC, der HSV, Leverkusen oder Bremen …

… ja, das wissen wir auch. Aber lassen Sie uns einfach mal eine Überraschung schaffen. Ich kann doch nicht sagen: Okay, stürzen wir eben in der Bundesliga ab, weil es allen anderen auch so ergangen ist.

Treibt Sie das an?

Ja, das hat mich an Wolfsburg gereizt, deswegen mache ich das überhaupt. Wenn es immer so läuft, wie Sie es gerade beschrieben haben, kann man normalerweise nichts gewinnen. Aber ich will, dass es anders läuft. Es muss ja mal anders laufen! Daran arbeite ich. Obwohl ich weiß, dass es sehr schwer wird.

Was macht es so schwer? Die körperliche Belastung, wenn man alle drei Tage spielt?

Rein von der Physis her wäre die Champions League gar kein Problem. Wir können so trainieren und regenerieren, dass wir alle drei Tage spielen können. Das Schwierige ist die mentale Seite: dass man sich alle drei Tage neu konzentrieren, sich auf einen neuen Gegner einstellen muss. Dazu sind die Spieler in dieser Phase fast nur noch in Hotels unterwegs, weg aus dem gewohnten Umfeld. Das ist eine mentale Belastung, die eins zu eins in den Körper reingeht.

Haben Sie mal überlegt, zur Vorbereitung die Champions-League-Hymne im Training laufen zu lassen?

Wenn ich die vorher laufen lasse, ist sie ja nichts Besonderes mehr. Ich will doch, dass es bei den Spielern kribbelt. Ein paar Stresshormone brauchst du, das steigert die kurzfristige Leistungsfähigkeit.

Aber einigen könnte das Herz auch sonst wohin rutschen.

Dann können wir eh nichts gewinnen. Aber die Mannschaft spielt ja erst einmal zu Hause, in heimatlichen Gefilden. Vielleicht kommt sie dann auch mit der Musik besser zurecht …

Was wollen Sie im Innern Ihrer Spieler ansprechen: ihren Stolz, ihr Ehrgefühl oder ihren Ehrgeiz?

Mit Sicherheit nicht das Gefühl, dass wir geduckt in diese Spiele reingehen. Respekt sollte man vor jedem Spiel und jedem Gegner haben. Trotzdem brauchen wir den Willen und den Glauben weiterzukommen. Das ist ganz wichtig.

Haben Sie Ihren Spielern deshalb verboten, nach Niederlagen die Trikots mit ihren Gegenspielern zu tauschen?

Ach, das ist ja Blödsinn. Ich habe es nicht verboten, aber es geht mir darum, dass die Jungs sich nicht damit zufriedengeben, überhaupt dabei zu sein. Wir wollen mehr! Jetzt geht es erst richtig los!

Man sollte schon so selbstbewusst sein, nicht nur Messis Trikot haben zu wollen.

Genau das ist der Punkt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es den Spielern nur noch darum geht, mit wem sie nach dem Abpfiff die Trikots tauschen können. Das geht mir richtig auf den Keks. Mir sind Spieler lieber, die mit sich selbst beschäftigt sind und sich ärgern, wenn sie verloren haben.

Besitzt Ihre Mannschaft schon ein Gefühl der eigenen Wichtigkeit?

Bestimmt, aber ich bin auch dazu da, so etwas anzusprechen. Wir haben sehr intelligente Burschen, es sind auch Gutmenschen dabei, aber einige könnten durchaus etwas selbstbewusster sein.

Sie haben trotzdem eine fantastische Mannschaft.

Ja, finde ich auch. Die sind nicht schlecht, die Jungs. Aber schauen Sie sich die Spiele der vergangenen Saison noch mal an. In der Rückrunde hättest du genauso gut drei- oder viermal verlieren können, und dann wirst du Achter. So eng ist die Liga. Jede Mannschaft da oben hätte Meister werden können. Viel schlechter waren die alle nicht. Wenn überhaupt.

Hat die Meisterschaft Eitelkeiten in Ihrer Mannschaft freigesetzt?

Unterschwellig ist es so, ohne dass ich das jetzt näher ausführen will. Es reden einfach zu viele mit, jeder will partizipieren, gerade nach der Meisterschaft. Das kriegen Sie als Trainer ja alles gar nicht gebacken. Wir müssen aufpassen, dass nicht jeder meint, er ist automatisch besser, weil er Meister ist. Das erste Jahr nach der Meisterschaft ist immens schwer. Aber das will ja niemand hören.

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Michael Rosentritt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar