WRITERS  Corner : Die Storys der anderen

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Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Man kennt das von Parteitagen, wenn es noch dauert bis zu den wichtigen Anträgen und noch keiner offen ausgesprochen hat, dass er den Vorsitzenden stürzen will. Da werden Journalisten gerne unruhig. Sie stehen auf und fangen an, sich gegenseitig zu interviewen, weil die Sendezeit ja gefüllt werden muss. Aus den Kollegen, über die sie gestern noch gelästert haben, machen sie dann ganz tolle Experten. Journalisten fragen Journalisten ist im Grunde das beste Mittel, um zu verschleiern, dass gerade nix los ist. In London ist, um ganz ehrlich zu sein, bisher außer der Eröffnungsfeier auch noch nicht viel passiert. Graue Wolken, ein bisschen Stau und ein paar Dopingfälle, das Erwartbare also. Ich traf eine australische Kollegin wieder, die mit mir über die World Games in Taiwan berichtet hatte. Sie arbeite jetzt für eine Londoner Zeitung, erzählte sie, super Job, super Olympia, aber sie müsse jeden Tag eine Kolumne schreiben, die sei sehr lang. Wenn ich etwas erlebe, solle ich mich melden, sagte sie und drückte mir ihre Karte in die Hand. Mir fiel unsere eigene Kolumne ein. Und der Redaktionsschluss. Ich fragte meine Kollegen, was sie denn so erlebt hätten. Die Antworten reichten von einem schweren Seufzer über ein Schulterzucken bis hin zu gehobenen Augenbrauen. Kollege X ist dann doch etwas eingefallen: Er hätte vom Kollegen Y gehört, dass der Kollege Z beim Fahrstuhlfahren in einer U-Bahn-Station einen falschen Knopf gedrückt hätte. Der Fahrstuhl fuhr nicht los. Stattdessen wurde Alarm ausgelöst. Es blinkte und klingelte und alle Fahrgäste schauten nur auf ihn. Dann stand die ganze Londoner U-Bahn still. Das habe er allerdings nur gerüchteweise gehört, sagte Kollege X und fragte mich, ob er mir nicht den Kollegen Z zeigen solle, oder wenigstens den Kollegen Y, dann könnte ich mir die Geschichte noch einmal selbst erzählen lassen. Vielleicht sei es ja doch nicht so schlimm gewesen. Ich lehnte ab. Geschichten, in denen weniger als das passiert ist, kann ich gerade wirklich nicht gebrauchen.

In unserer Kolumne wechseln sich die Korrespondenten Friedhard Teuffel und Frank Bachner mit dem britischen Autor Roger Boyes und der deutschen Hockeyspielerin Natascha Keller ab.

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