WTA- Turnier in Stuttgart : Julia Görges steht im Finale

Die 32. der Weltrangliste setzt sich im Halbfinale gegen die favorisierte Australierin Samantha Stosur durch und steht mit ihrem Erfolg symptomatisch für den größten Aufschwung im Deutschen Damentennis seit Jahren.

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Mit Becker-Faust. Julia Görges bejubelt ihren Sieg in drei Sätzen über die Australierin Samantha Stosur im Halbfinale von Stuttgart.
Mit Becker-Faust. Julia Görges bejubelt ihren Sieg in drei Sätzen über die Australierin Samantha Stosur im Halbfinale...Foto: dapd

Die Vorteile schwäbischer Perfektion haben sich mittlerweile bis zum Frauen-Weltverband WTA herumgesprochen. Der Wäscheservice beim Grand Prix in Stuttgart sei der beste auf der Tour, hat Laura Ceccarelli, die sportliche Leiterin der WTA, in diesen Tagen mitgeteilt. Das war natürlich als Späßchen gemeint. Und doch zeigt es, wie entspannt man beim mit 721 000 Dollar dotierten Sandplatzturnier aus gutem Grund mit dem Thema deutsches Tennis umgeht. Denn es geht aufwärts.

Gestern erreichte Julia Görges aus Bad Oldesloe als erste Deutsche seit Anke Huber 1996 und dritte Deutsche überhaupt nach dem ersten Matchball nach zwei Stunden und 16 Minuten das Finale. Die 32. der Weltrangliste schlug gestern im Halbfinale die Australierin Samantha Stosur in drei Sätzen 6:4, 3:6 und 7:5 und zeigte Weltklassetennis. „Es ist für mich unglaublich, eine solche Spielerin schlagen zu können“, sagte Görges. Die 27 Jahre alte Stosur steht in der Weltrangliste auf Platz sieben. Im Finale trifft Görges auf Caroline Wozniacki, die Agnieszka Radwanska im anderen Halbfinale 7:5, 6:3 besiegte.

Dazu standen seit 1984 erstmals mit Andrea Petkovic, der Berlinerin Sabine Lisicki und Kristina Barrois drei weitere Deutsche im Viertelfinale, was Ceccarelli zu weiteren Scherzen animierte. Stuttgart sei „fast eine deutsche Meisterschaft“ mit internationaler Beteiligung. Dann aber sagte die Italienerin ganz im Ernst: „Die WTA hat Interesse daran, dass der deutsche Aufschwung anhält.“ Deutschland sei „für uns ein sehr interessanter und wichtiger Markt“. Sprich, hier lässt sich viel Geld verdienen. Tagelang war Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner auf Werbetour, um Interesse zu wecken für „deutsche Turniere, über die manche jetzt nachdenken“.

Eine Woche wie diese hat man im deutschen Tennis lange nicht mehr erlebt. Motiviert von der Tennis-Party beim Fed-Cup, ebenfalls in Stuttgart ausgetragen – das deutsche Team erreichte nach einem 5:0 über die USA die Weltgruppe – setzte sich das Stimmungshoch fort. Als Lisicki gegen die Weltranglistensechste Na Li aus China in die Runde der letzten acht stürmte, ging es in der Halle zu wie beim Fußball, so laut war das Gegröle. Auf den Rängen war kaum noch Platz. Meist meldete der Veranstalter: 4000, ausverkauft.

Und die Zuschauer bekamen einiges geboten. Mancher machte eine Aufbruchstimmung aus, die von guten Spielen der jungen deutschen Frauen befeuert wurde. Sie spüren, wie nah sie mittlerweile an die Weltspitze herangerückt sind. Lisicki kämpft sich nach ihrer langen Verletzung mit ansteckendem Powertennis wieder Richtung Top 100. Petkovic, schon als die neue Steffi Graf gefeiert, steht wohl bald unter den Top 15, Barrois wird ein Platz unter den besten 50 zugetraut und Görges marschiert stramm Richtung Top 30. „Wer die deutsche Nummer eins ist, interessiert doch die Russinnen und den Rest der Welt nicht“, sagte Görges neulich und versicherte, das Thema interessiere im deutschen Lager niemanden.

Vielmehr pflegt man dort enge Freundschaften, twittert und facebookt um die Wette und feuert sich bei den Spielern gegenseitig an. Vom Windschatten der neuen Tennis-Frontfrau profitiert auch Görges, die im Gegensatz zur äußerst lebendigen Petkovic schon übermäßigen Jubel ihres Vater Klaus „etwas peinlich“ findet, während die 22-Jährige aus Griesheim lauten Jubel in ihrer Box liebt.

Im Hintergrund hat sich Görges in drei Jahren in der Weltrangliste von Rang 102 auf 32 gespielt und gesagt, die Rolle in der zweiten Reihe sei „gesünder für den Kopf“. 2010 gewann sie in Bad Gastein ihren ersten WTA-Titel. Einen besseren Beleg für die gestiegene Qualität des deutschen Frauentennis als den Einzug ins Halbfinale in Stuttgart hätte sie nicht liefern können.

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