Sport : Wucht aus der Lausitz

Energie Cottbus ist in der Bundesliga angekommen – das hat das 2:2 im ersten Heimspiel des Aufsteigers gegen den Hamburger SV gezeigt

Karsten Doneck[Cottbus]

Es kam ziemlich unvermittelt, als Petrik Sander auf einmal anfing, den Gegner zu loben. Beim FC Energie Cottbus haben sie zwar ein etwas rau Fußball spielendes Personal, aber eben auch sehr höfliche Leute. Also hob der Trainer des Bundesliga-Aufsteigers an zur Hymne auf den Hamburger SV: „Wie die den Ball zirkulieren lassen, das hat schon Qualität.“ Sanders Berufskollege Thomas Doll hörte die Worte, unwirsch verdrehte er die Augen. Lob für ein 2:2 beim FC Energie? Das war dem HSV und Doll dann doch des Guten etwas zu viel.

Zu Recht wähnte sich Petrik Sander nach den 90 Minuten „in einem Zwiespalt“. Einerseits, so gab der Trainer zu, sei er stolz, einem Gegner wie dem HSV derart zähen Widerstand entgegengebracht zu haben, andererseits sei aber die engagierte Leistung seiner Mannschaft mit dem einen Punkt eher zu dürftig belohnt worden. Der FC Energie tat gegen den HSV zumindest in der zweiten Halbzeit das, was die Spieler am besten beherrschen. Sie definierten Fußball als knochenharte Arbeit. Jeder Zweikampf legte Zeugnis ab von der Leidenschaft und dem Durchsetzungswillen der Energie-Profis, den Respekt vor den besseren Einzelkönnern auf der Gegenseite hatten die Cottbuser ohnehin vorher im Spind in der Kabine abgelegt.

Der HSV zeigte sich von der Lausitzer Fußballwucht tief beeindruckt. Ein Stürmer wie Paolo Guerrero resignierte früh vor der Verbissenheit und Härte seiner Gegenspieler. Er beschränkte sich fortan darauf, mit gequält-leidendem Blick oder auch mal mit lauten Worten beim Schiedsrichter Schutz vor Fouls anzumahnen. „Einsatzbereitschaft und Moral haben gestimmt bei uns“, lobte Sander, „aber wir haben auch zu viel zugelassen.“

Zum Beispiel den 2:2-Ausgleich, nur drei Minuten nach der Führung der Cottbuser durch Sergiu Radu. Ein völlig unnötiges Tor. Ein Eckball von Rafael van der Vaart flog über Energie-Torwart Tomislav Piplica hinweg zum hinteren Pfosten, von dort wurde der Ball über die Linie gedrückt. „Torschütze zum 2:2: Nigel de Jong“, meldete Stadionsprecher Ronny Gersch. Und sofort nach dem Abpfiff gingen die Diskussionen los, welcher Cottbuser Profi nun die Hauptschuld an dem Gegentreffer trug. Piplica vielleicht, der in dieser Szene, wohlwollend ausgedrückt, unglücklich aussah? Oder Daniel Ziebig, den die Cottbuser dem HSV kürzlich für 125 000 Euro abgeschwatzt haben? Ziebig hatte in unmittelbarer Nähe von Nigel de Jong gestanden. Für Sander war das keine Frage: „Schuld an dem Tor hat de Jong, er hat den Ball schließlich reingemacht.“ Da irrte Sander genauso wie der Stadionsprecher. Nach langem Hin und Her und ausgiebigem Studium der Fernsehbilder stand fest, dass Ziebig seinem ehemaligen Arbeitgeber eine unfreiwillige Gefälligkeit erwiesen hatte: Dem 23-Jährigen war in dieser Szene ein Eigentor unterlaufen.

So richtig tragisch fand das jedoch niemand. Diskussionen um Torwart Pipilica wird es auch nicht geben, sicher sehr zum Verdruss des von Hertha BSC verpflichteten Ersatztorhüters Tremmel. Die bisherige Bilanz der Cottbuser weckt halt eher Zuversicht: Sie haben zum Saisonauftakt beim 0:2 in Mönchengladbach gute Kritiken bekommen und sich gegen den weitaus stärker eingeschätzten HSV ihren ersten Punkt redlich verdient. Das macht Mut. „In Cottbus werden noch andere Mannschaften ihre Probleme bekommen“, kündigte Petrik Sander später an. Und bei diesen Worten nickte auch der Kollege Thomas Doll zustimmend.

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