Sport : Wucht gegen Härte

Kiel kommt: Fast 20 000 Handball-Fans unterstützen Gummersbach in Köln

Erik Eggers[Köln]

Die Kölnarena ist seit Wochen ausverkauft. 19 250 Zuschauer fiebern dem Spitzenspiel der Handball-Bundesliga zwischen dem VfL Gummersbach und dem THW Kiel entgegen (19 Uhr, live im DSF), dem Duell des Altmeisters mit dem aktuellen Titelträger. Auf dem Schwarzmarkt werden die Tickets mit bis zu 500 Prozent Aufschlag gehandelt, rund 200 Journalisten haben sich akkreditiert. Und was sagt Velimir Kljaic, der Gummersbacher Trainer? „Für die Zuschauer und die Medien ist das ein Riesenspektakel, aber für mich ist das ein normales Spiel.“ Um seine Gelassenheit zu unterstreichen, verweist er auf seinen Olympiasieg 1996 mit Kroatien – vor 38 000 Fans in Atlanta.

Doch diese Gelassenheit ist Fassade. Sie verdeckt den unstillbaren Ehrgeiz des Trainers, der für cholerische Ausbrüche an der Seitenlinie berüchtigt ist. Und sie verdeckt seine jahrzehntelange Rivalität mit dem Kieler Coach Zvonimir Serdarusic. Vor allem aber will Kljaic beweisen, dass er nicht bloß große Sprüche geklopft hatte, als er zu Saisonbeginn verkündet hatte: Der VfL Gummersbach kann in dieser Saison um den deutschen Meistertitel spielen. Den letzten seiner 27 Titel hatte der Klub 1991 gewonnen. Seither läuft der VfL seiner einstigen Größe hinterher.

Die vergangenen Wochen waren mit Blick auf das große Finale der Bundesliga-Hinrunde wie von einem Regisseur geführt. Die Kieler haben zuletzt den SC Magdeburg beim 54:34-Sieg nicht die Spur einer Chance gelassen, bei dem sie „High-Speed-Handball“ (THW-Manager Uwe Schwenker) demonstrierten. Parallel schaffte Gummersbach beim 34:32 in Flensburg das, woran der THW seit Jahren scheitert: einen Auswärtssieg in der „Hölle Nord“ zu landen. Natürlich waren die Blau-Weißen überrascht, als sie von der Torflut in Kiel erfuhren. Verängstigt hat sie das nicht. „Ich bin sicher, dass wir Kiel schlagen“, schickte Torwart Christian Ramota noch am gleichen Abend einen Gruß nach Kiel, aber Francois-Xavier Houlet, der Kapitän, gab zu: „54 Gegentore schaffen wir nicht.“ Ein Fingerzeig darauf, dass heute Abend auch zwei verschiedene Ideologien aufeinander prallen werden. Auf der einen Seite die pure Angriffswucht der Kieler, die vor allem der Franzose Nikola Karabatic und der Schwede Kim Andersson verkörpern. Beide noch jung, erst 21 und 23 Jahre alt, und beide zum Angriff geboren, sagt Manager Schwenker, „die können gar nicht auf Halten spielen“.

Auf der anderen Seite erwartet sie die beste Abwehr der Liga, deren Erfolg auch darauf basiert, dass mit dem blitzschnellen Isländer Gudjon Sigurdsson ein vorgezogener Mann den Aufbau des Gegners zerstört. Kommen die jungen Kieler heute vorbei an den erfahrenen Recken wie Frank von Behren oder Kyung-Shin Yoon? Das Spiel wird auch einen Hinweis darauf bringen, welches Konzept das zukunftsträchtigere ist. Dass dieses Spiel etwas Spezielles ist, das beweist auch reservierte Informationspolitik des Trainers. Während Kljaic sonst gern über nötige taktische Maßnahmen referiert, hütet er seinen Plan gegen Kiel. „Mercedes gibt ja auch nicht an die Presse, welches Modell nächstes Jahr gebaut wird“, erklärt er. Er verrät lediglich: „Wichtig ist, dass wir Tore machen.“ Denn damit sei das größte Plus der Kieler, der atemberaubend schnelle Tempogegenstoß, nicht mehr so wirksam.

Angst hat Kljaic nur „vor dem Meisterbonus“ der Kieler bei den Schiedsrichtern, „vor sonst nichts“. Wenn das Gespann Andler/Andler (Stuttgart) gerecht pfeife, prophezeit er, „dann gewinnen wir“. Für VfL-Aufsichtsrat Hans-Peter Krämer, der vor vier Jahren die Verwandlung des Rekordmeisters vom finanzmaroden Klub hin zum Meisterschaftsanwärter initiierte, schließt sich derweil heute „irgendwie ein Kreis“. Denn auch bei der Premiere des VfL in der modernen Kölnarena am 30. November 2001 hieß der Gegner Kiel. Vor dieser Folie wird die momentane Kräfteverschiebung im deutschen Handball noch klarer: Während der Gastgeber damals beim 25:29 chancenlos war, begegnet der VfL als Tabellenzweiter heute dem Deutschen Meister auf Augenhöhe. „Jetzt hauen wir die Kieler weg“, sagt Krämer und ist fest überzeugt, dass die Tormaschine Kiel in Köln „keine 30 Tore werfen wird“. Er hat sich nicht oft geirrt in den letzten Jahren.

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