Sport : Würdige Brisanz

Die Hockey-Rivalen Deutschland und Holland trennen sich 2:2 nach einem dramatischen WM-Spiel

Stefan Hermanns[Mönchengladbach]

Der große holländische Alltagsphilosoph Johan Cruyff hat einmal gesagt, dass jeder Nachteil seinen speziellen Vorteil habe. Die Gültigkeit dieser Erkenntnis haben gestern auch tausend Zuschauer im Mönchengladbacher Hockey-Park erleben dürfen. Sie saßen auf einer Zusatztribüne – und konnten wegen deren geringen Neigungswinkels das Tor unter sich nicht sehen. Eine gnädige Fügung: Auf diese Weise blieb ihnen erspart, zu Augenzeugen der beiden holländischen Treffer zu werden. Auf die deutschen Tore, ebenfalls zwei, hatten sie hingegen beste Sicht. 2:2 (0:0) trennten sich die beiden großen Rivalen in einem hochdramatischen Spiel.

Auch im Hockey hat die Begegnung der beiden Nachbarländer ihre spezielle Brisanz, und das gestrige WM-Spiel vor 12 000 Zuschauern im erstmals ausverkauften Hockey-Park erwies sich der besonderen Beziehungen in allen Belangen als würdig: von der Intensität auf dem Feld, der Stimmung auf den Rängen, den strittigen Schiedsrichterentscheidungen, vor allem aber wegen der Dramaturgie. Kurz nach der Pause gingen die Holländer durch Tore von Matthijs Brouwer und Rob Reckers 2:0 in Führung, doch die Deutschen kamen zurück. Christopher Zeller schaffte nach einer Strafecke den Anschluss, Moritz Fürste erzielte mit einem wunderbaren Schlag in den Winkel den Ausgleich, und mit etwas mehr Entschlossenheit hätten die Deutschen sogar gewinnen können. „Da hätten wir zufassen müssen“, sagte Bundestrainer Bernhard Peters. Stattdessen musste der grandiose deutsche Torhüter Uli Bubolz seiner Mannschaft bei zwei Strafecken des holländischen Spezialisten Taeke Taekema in der Schlussphase das Unentschieden retten.

„Das Feld und ich, wir sind noch nicht die besten Freunde“, sagte Taekema. „Ich hoffe, das wird noch.“ Wenn, dann muss es schnell passieren, denn der große Turnierfavorit Holland ist inzwischen auf fremde Hilfe angewiesen, um noch das Halbfinale zu erreichen. Die Anspannung entlud sich kurz vor Schluss beinahe in einer Schlägerei auf dem Platz. Teun de Nooijer hatte den Ball aus einem Meter Entfernung auf den am Boden liegenden Eike Duckwitz geschlagen. „Wir haben ihm relativ klar zu verstehen gegeben, dass es so nicht geht“, sagte Verteidiger Philipp Crone.

Beide Mannschaften führten die Begegnung mit hoher Leidenschaft. Trotz der großen Bedeutung kam ein flottes Spiel heraus. Die Deutschen hatten zunächst die besseren Chancen, allerdings klagten die Niederländer, dass ihnen ein reguläres Tor aberkannt worden war; zudem wollten sie kurz vor Schluss einen Penalty haben anstelle einer weiteren Strafecke, weil Philipp Zeller mit unerlaubtem Körpereinsatz eine klare Torchance vereitelt habe. „Ich wünsche mir auch immer mal einen Penalty“, sagte Peters.

Dafür hatten sich die Deutschen vor dem 0:1 benachteiligt gefühlt. Der Schiedsrichter hatte auf Freischlag entschieden, nachdem der Ball Tibor Weißenborn an den Körper gesprungen war. Die Holländer nutzten die Situation zu einem schnellen Abschluss. Vor dem 0:2 schlug Kapitän Timo Weß auf der Torlinie über den Ball. Bis dahin hatte die deutsche Abwehr weitgehend sicher gestanden, auch dank Philipp Crone, der sein 334. Länderspiel bestritt und nun mit Björn Michel Rekordnationalspieler ist. Heute im Spiel gegen England (14.45 Uhr, live im WDR) kann der Münchner an Michel vorbeiziehen. „Rekordspiel oder nicht“, sagte Crone, „wenn es keine drei Punkte werden, werde ich nicht froh mit dem Rekordspiel.“

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