Sport : Wüste statt Winterbahn

Für sein neues Team Milram verzichtet Erik Zabel auf das Berliner Sechstagerennen und fährt in Katar

Hartmut Scherzer

Berlin - Erik Zabel musste als Erstes beim neuen Arbeitgeber Milram einen Konflikt lösen: Wüste oder Winterbahn? Der 35 Jahre alte Radstar der Straße hat im Herbst seiner Karriere zu seiner Jugendliebe, dem Rennoval, zurückgefunden. Seinem letzten Straßentriumph im T-Mobile-Trikot beim Klassiker Paris- Tours folgten Siege bei den Sechstagerennen in Dortmund und München. Für die Sixdays in Bremen vom 12. bis zum 17. Januar hat er bereits den Vertrag unterschrieben. „Und es hätte Sinn gemacht, auch noch Stuttgart und Berlin dranzuhängen.“ So die persönliche Planung. Schließlich kassiert der Star der Nächte auch Stargagen nicht unter 50 000 Euro.

Doch als Zabel im Trainingslager in der Toskana in diesen Tagen mit den Managern und Sportlichen Leitern über das Saisonprogramm der italienischen Mannschaft des deutschen Sponsors sprach, erfuhr er, dass die Herren Gianluigi Stanga und Gerry van Gerwen ihn lieber in die Wüste schicken wollen. Bei der Katar-Rundfahrt vom 29. Januar bis zum 3. Februar soll Zabel die ersten Siege ersprinten. Der Superstar des Teams, Alessandro Petacchi, darf zwei Wochen später einsteigen, bei der „Ruta del Sol“ in Spanien. Ein eindeutiges Indiz für die Hierarchie.

Erik Zabel akzeptierte klaglos, griff zum Handy und sagte dem Chef des Berliner Sechstagerennens (26. bis 31. Januar), Heinz Seesing, schweren Herzens ab. „Ich wäre gerne in Berlin gefahren, aber die Argumente haben mich überzeugt“, sagte Zabel und beteuerte, wenn er gewollt hätte, dann hätte er seinen Kopf auch durchgesetzt. Doch der Kopf hatte ihm geraten: „Katar ist vernünftiger. Nur das Herz schlägt für Berlin.“

Die Milram-Manager haben ihm sozusagen die Entscheidung abgenommen. Denn Zabel weiß natürlich, dass die Straße für den Formaufbau dienlicher ist als die Winterbahn. „Hier leiden Kraft und Ausdauer, auch wenn man die Schnelligkeit und hohe Trittfrequenz mit auf die Straße nehmen kann.“ Deswegen hatte er bisher die Saison lediglich in der Dortmunder Westfalenhalle (sieben Starts, vier Siege) und in der Olympiahalle in München (sechs Starts, drei Siege) ausrollen lassen. Schon Bremen, seine Sechstage-Premiere an der Weser, war ein Zugeständnis, versäumt Zabel dadurch doch die Hälfte des zweiten Trainingslagers in der Toskana.

Die Entscheidung für die Wüste hat auch einen taktischen Hintergrund. Organisator in Katar ist die französische A.S.O, eine Tochter der mächtigen Verlagsgruppe Editions Philippe Amaury, die auch die Tour de France veranstaltet. Nach dem angekündigten Ausstieg der drei großen Rundfahrten Tour de France, Giro d’Italia und Vuelta España aus der Pro-Tour-Serie verliert auch das automatische Startrecht der Pro-Tour-Teams in Frankreich ab 2007 seine Gültigkeit. „Da ist es klug, A.S.O die Hand zu reichen“, sagt Zabel, dem Milram im Dreijahresvertrag bis 2008 die Tour-Teilnahme im Team garantiert hat.

Bei der Saisonplanung standen natürlich andere Rennen und Rundfahrten als Katar im Vordergrund. So werden, wie Zabel verriet, beim Giro d’Italia voraussichtlich weder er noch Petacchi um Etappensiege spurten. „Der Kurs ist 2006 so bergig und schwer, dass wir beide verzichten werden.“ Dafür wird das schnellste Gespann der Sprintszene zusammen bei der Tour de France und der Spanien-Rundfahrt auf Etappenjagd gehen. Nach Katar bringt sich Zabel bei der Mittelmeer-Rundfahrt weiter in Schwung, wird danach nur trainieren, bis er im März bei der Etappenfahrt Tirreno-Adriatico und beim ersten Frühjahrsklassiker Mailand-San Remo erstmals zusammen mit Petacchi die Sprintkonkurrenz mit Weltmeister Tom Boonen an der Spitze hinter sich lassen will. „Wir sind ähnliche Typen, eher ruhig und wollen zusammen gewinnen“, sagt Zabel.

Die Umstellung nach dreizehn Jahren sportlichem Luxusleben bei Telekom/ T-Mobile auf die vergleichsweise schlichte Struktur der italienischen Team-Mentalität ist Zabel zum eigenen Erstaunen schon nach drei Tagen im Trainingslager gelungen. „Der Wechsel war nicht einfach. Doch alles hier macht auf mich einen vernünftigen Eindruck. Wo bei T-Mobile ein gigantischer Aufwand betrieben wurde, wird bei Milram alles aus dem Ärmel geschüttelt. Ich bin fast schon ein bisschen euphorisch.“ Zabel verglich als Beispiel die Prozedur der Fototermine, mit denen die erste Zusammenkunft der Radmannschaften beginnt. „T-Mobile mietete eine riesige Halle, engagierte Starfotografen, und allein das Schminken für die Autogrammkarten dauerte schon eine halbe Stunde. Hier war nach einer Viertelstunde im und vor dem Hotel das ganze Foto-Shooting erledigt, und ich konnte auf dem Foto keinen Unterschied feststellen.“

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