Sport : Wunde Psyche

Jan Ullrich ist nach dem Zeitfahren deprimiert – und sucht nach Erklärungen für die Niederlage

Hartmut Scherzer

Saint-Jean-de Monts - Am Tag danach strahlte die Sonne. Es hätte ein schöner Morgen für Jan Ullrich werden können, wäre der Vorabend nicht so trist gewesen: Zum Auftakt der Tour de France war der deutsche Radprofi beim Zeitfahren von Lance Armstrong gedemütigt worden. Der eine Minute später gestartete US-Amerikaner hatte den Deutschen überholt. In seinem Hotel kam Jan Ullrich als letzter vom T-Mobile-Team zum Frühstück. In sich gekehrt löffelte er sein Müsli. Nur Mannschaftskamerad Matthias Kessler brachte seinen Kapitän einmal zum Lachen. Der Kapitän des T-Mobile-Teams wirkte angeschlagen. Rote Flecken an der linken Halsseite waren sichtbare Spuren des Auffahrunfalls, den er einen Tag vor Beginn der Frankreich-Rundfahrt beim Training erlitten hatte.

Welch psychische Spuren die Attacke Armstrongs im Zeitfahren zum Auftakt der Tour de France bei Ullrich hinterlassen hat, lässt sich erahnen. „Man lässt sich nicht gerne einholen beim Zeitfahren“, sagte Ullrich mit gedämpfter Stimme. „Es ist nicht schön, von Lance überholt zu werden.“ Eine „peinliche Situation“ nannte Teamchef Walter Godefroot den Moment nach 14,7 von 19 Kilometern, als Armstrong an Ullrich vorbeirauschte. „Das demoralisiert“, gab Ullrich zu. Aber er ist nicht der Typ, der nach Ausreden sucht. Nach dem Zieleinlauf auf der Insel Noirmoutier wies er noch jeden Zusammenhang mit dem Trainingsunfall, dem Aufprall auf das Auto Mario Kummers zurück.

„Jan ist ja nicht mit dem Kopf durch die Scheibe geflogen, sondern hat die Scheibe mit der Schulter gesprengt“, sagte Teamarzt Lothar Heinreich. Körperlich sei Ullrich zum Tour-Auftakt fit gewesen. Er habe keine Prellungen davongetragen und auch keinerlei Schmerzen am Körper gespürt. Trotzdem, einen leichten Schock könnte Jan Ullrich gehabt haben. Auf der verzweifelten Suche nach dem Grund für die bitterste Niederlage im Zeitfahren fand Ullrich schließlich auch keine andere Erklärung: „Ich denke schon, dass es ein bisschen mit dem Sturz zusammenhängt.“ Und auch mit dem „Unerbittlichen“, wie die Sportzeitung „L’Equipe“ den sechsmaligen Toursieger Armstrong gestern in ihrer Schlagzeile nannte. Als der US-Amerikaner das Trikot Ullrichs vor sich sah, sei das ein Vorteil für ihn gewesen, sagte Armstrong. Er habe damit gerechnet, dass der Trainingsunfall Einfluss auf Ullrichs Verfassung gehabt habe: „Keiner hat am Tag nach so einem Crash gute Beine.“ Aus seinem Resultat könne man „nichts herauslesen“. Armstrong sagte: „Ich empfinde keine Triumphgefühle, dass ich Jan eingeholt habe. So ein Sturz am Vortag kostet in der Regel 30 bis 45 Sekunden.“

So ganz will die Konkurrenz den Worten des großen Favoriten aber nicht glauben. „Lance fährt auf einem anderen Planeten“, staunte der andere deutlich distanzierte Herausforderer Ivan Basso. Basso hatte 84 Sekunden auf den Amerikaner eingebüßt. Bei Ullrich waren es 66, bei Alexander Winokurow 51 Sekunden. Der Kasache wurde Dritter hinter dem siegreichen Debütanten aus den USA, David Zabriskie, und Armstrong, dem zwei Sekunden zum Tagessieg fehlten.

Ist die Tour schon entschieden? Diese Frage kursierte natürlich nach Armstrongs erstem Auftritt. Sein Überholmanöver übertraf den Überraschungssieg Zabriskies, dem ersten Träger des Gelben Trikots bei der 92. Tour. Immerhin hatte der Spezialist aus dem CSC-Team von Bjarne Riis mit Zeitfahrsiegen beim Giro und der Vuelta sowie als Fünfter der WM 2004 bereits seine Klasse angedeutet. Wenn der noch schüchterne US-Amerikaner aus Salt Lake City „erst einmal an sich glaubt, wird er ein Großer“, prophezeit sein Teamkamerad Jens Voigt, der als Achter beim Zeitfahren bester Deutscher war. „David ist ein begnadeter Zeitfahrer.“ Wie Jan Ullrich, der gestern vor dem Start zur zweiten Etappe zwar deprimiert wirkte, aber nicht resignieren wollte. „Ich kämpfe weiter“, sagte er. Was anderes sollte Ullrich auch sagen, nach einem Start der Tour de France, der für ihn kaum schlimmer hätte verlaufen können.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben