Sport : Wunde Sieger

Deutschlands Fußball-Junioren werden nach dem Erfolg in Istanbul getreten und beworfen

Andre Görke,Thomas Seibert

Von Andre Görke und

Thomas Seibert

Berlin/Istanbul. Tim Wiese hielt nichts mehr im Tor und auch nichts mehr im Strafraum. Der deutsche Torhüter rannte einfach los, quer über den Fußballplatz, schreiend, mit erhobenen Armen.

Von da an begann der Krawall.

Es geschah am Dienstagabend kurz nach 21.20 Uhr, in Istanbul, Saracoglu-Stadion. Die Spieler der deutschen U-21-Nationalmannschaft hatten in der Nachspielzeit den Ausgleich geschossen, das 1:1 gegen die Türkei. Alle jubelten, und Tim Wiese, der Torhüter, rannte quer über den Platz zum Torschützen Benjamin Auer. Während er lief, hob er die Arme. Seht’ her!, sollte das heißen. Wir haben es geschafft, wir sind bei der Fußball-Europameisterschaft – und ihr nicht!

Die Situation eskalierte. Erst rannte der türkische Ersatzspieler Beyhan Sümer auf den Platz und attackierte den Torhüter. „Ich weiß, dass das nicht richtig war“, sagte Sümer am Tag danach. Aber die Gesten von Wiese seien „sehr frech“ gewesen, „ich konnte mich nicht mehr beherrschen“.

Als Sekunden später Schiedsrichter Michael Benes abpfiff, rannten die Spieler in die Kabine. Der Sicherheitschef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Hans Florin, erzählt, was sich im Stadion abspielte: „Die Zuschauer schmissen Feuerzeuge und Plastikflaschen auf uns, sogar Handys.“ Die Polizisten hoben deshalb ihre Schutzschilde, doch dann sollen auch sie auf die deutschen Nachwuchsspieler eingeprügelt haben.

Die Bilanz sah so aus: Der Schiedsrichter lag mit einer Kopfplatzwunde in seiner Kabine, die genäht werden musste. Der deutsche Abwehrspieler Maik Franz hatte eine Risswunde am Ohr, weil ihm jemand ein Funkgerät über den Kopf geschlagen hatte. Benjamin Auer war von einem Polizisten im Kabinengang getreten und der Dolmetscher „mit einem Faustschlag“ (Florin) niedergestreckt worden. „Das war kein Fußballspiel, das war Krieg“, sagte Trainer Ulli Stielike.

Nach dem Abpfiff hatte er einem türkischen Fernsehsender ein Interview gegeben: „Wir geben zwei Millionen Menschen aus der Türkei Arbeit“, hatte Stielike hinausposaunt und ernsthaft gemeint, dass türkische Fans deshalb beim Abspielen der deutschen Nationalhymne Ruhe zu bewahren hätten. Dem Trainer warf der Präsident des türkischen Fußball-Verbandes, Haluk Ulusoy, daraufhin Rassismus vor. „Ich glaube, ihm ist rausgerutscht, was er im Innersten fühlt.“

Am Tag danach machten die türkischen Medien die deutsche Mannschaft verantwortlich. Deutsche hätten in der Kabine randaliert, heißt es, und die Zeitung „Cumhurriyet“ schreibt, dass „die Fans halt getan haben, was sie nicht sein lassen konnten“. Bedauerlich sei nur, „dass wir wieder als barbarische Türken dastehen“. Angeblich überlegt der türkische Verband, sich über die Deutschen bei der Uefa zu beschweren.

Aber die bleibt ruhig. „Wir haben die Fernsehbilder gesehen“, teilte ein Sprecher am Mittwoch mit. „Wir werden das Verfahren gegen die Türkei am 4. Dezember eröffnen.“ Dem türkischen Verband drohen nun eine hohe Geldstrafe und eine Platzsperre. Die Aussagen des Deutschen Fußball-Bundes decken sich mit denen der deutschen Reporter. Vier Journalisten waren mit der Mannschaft in die Türkei gereist. Als die Krawalle begannen, flüchteten auch sie in die Mannschaftskabine der deutschen Mannschaft. „Draußen war die Hölle los, einfach Chaos“, erzählt der Journalist Hans-Joachim Zwingmann von der Deutschen Presse-Agentur. In der Kabine habe man mit Stielike an einem Holztisch gesessen und erst dort in Ruhe arbeiten können. „In der Kabine nebenan saßen die blutenden Spieler“, sagt Zwingmann.

Erst nach einer Stunde, als die Fans das Stadion verlassen und sich auch die Ordnungskräfte beruhigt hatten, stiegen die deutschen Spieler in ihren Mannschaftsbus und fuhren zum Hotel. Umringt von Polizeiwagen. Am nächsten Morgen ging es zurück nach Deutschland. „Wir waren froh, als unsere Mitarbeiter gelandet waren“, sagte Harald Stenger, der Pressesprecher des DFB.

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