Sport : Wunder in Wiederholung

Cottbus kann heute in die Bundesliga aufsteigen

Stefan Hermanns

Berlin - Auf seiner Internetseite hat der FC Energie Cottbus gestern noch einmal eine frohe Kunde verbreitet. Zwischen 16 und 18 Uhr wurden am Dienstag wenige Restkarten für das Zweitligaspiel gegen Dynamo Dresden verkauft, und zwar letztmalig. Bereits am Wochenende war das Stadion der Freundschaft als ausverkauft vermeldet worden. Gestern aber gab es neben dem Resteverkauf an den Stadionkassen auch in den Fanshops noch Karten für das große Spiel, an dessen Ende der FC Energie den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga feiern kann. Die Cottbuser müssen dazu heute (17.30 Uhr) Dresden besiegen und hoffen, dass der Tabellenvierte Greuther Fürth nicht in Ahlen gewinnt. In diesem Fall folgt der FC Energie Aachen und Bochum in die Erste Liga. Es könnte also ein großer Tag für Cottbus werden, doch aller Wahrscheinlichkeit nach wird das Stadion der Freundschaft dann nicht ausverkauft sein.

„Wir fragen uns auch, warum und weswegen“, sagt Manager Ralf Lempke. Eine Antwort hat er darauf noch nicht gefunden. Natürlich ist die wirtschaftliche Situation in Cottbus weiterhin schwierig, die Arbeitslosigkeit liegt bei knapp 19 Prozent, „aber Gelsenkirchen und Dortmund haben auch eine hohe Arbeitslosigkeit“. An der Übersättigung des Publikums kann es ebenfalls nicht liegen. Nur drei Jahre hat Energie in der Bundesliga verbracht. Schon der erste Aufstieg im Mai 2000 galt als Wunder, seine Wiederholung nach drei Jahren Zweitklassigkeit wäre nicht weniger wunderbar, die Euphorie aber hält sich in Cottbus in Grenzen. „Alle müssen begreifen, welche Riesenchance wir haben“, sagt Trainer Petrik Sander. Von den strukturellen Voraussetzungen her ist Cottbus alles andere als ein natürlicher Bundesligastandort. Die Perspektive in der Bundesliga heißt Abstiegskampf, das langfristige Ziel Profifußball in Cottbus, „egal ob in der Ersten oder der Zweiten Liga“, sagt Manager Lempke.

Wie schwierig dies ist, haben die Cottbuser vor einem Jahr erfahren. Nur wegen der um einen Treffer besseren Tordifferenz blieben sie im Mai 2005 in der Zweiten Liga. In dieser Saison zeichnet sich die Mannschaft durch erstaunliche Konstanz aus: In 13 Spielen blieben die Cottbuser ohne Gegentor, seit Oktober haben sie kein Auswärtsspiel mehr verloren, und in der Rückrunde haben sie nur zwei Niederlagen kassiert. Das alles ist ein Verdienst des Trainers, der die Mannschaft nach seinem Bild geformt hat. Im November 2004 trat der damalige Kotrainer Sander die Nachfolge von Eduard Geyer an. Seitdem führt er die Mannschaft auf seine nüchterne und doch entschlossene Art. Für den 45-Jährigen ist Energie die erste Trainerstation im Profifußball. Wohl auch deshalb bescheinigt ihm Präsident Michael Stein „eine sensationelle Leistung“.

Sander ist kein Anti-Geyer, doch er hat den Stil seines früheren Vorgesetzten um neue Elemente erweitert. „Er weiß, wann er streng sein muss und wann er locker sein kann“, sagt Lempke. „Die Peitsche genügt nicht, ein Trainer muss auch in die Hirne seiner Spieler kommen.“ Zuletzt hat Sander seine Unerbittlichkeit vor allem beim Thema Aufstieg demonstriert. Trotz der sich stetig verbessernden Ausgangslage hat er sich bis heute geweigert, das Wort Aufstieg in den Mund zu nehmen. „Mir wird hier viel zu viel vom Feiern gesprochen“, hat Sander vor dem Spiel gegen Dresden gesagt. Dabei wird er sich denken können, dass in Cottbus längst nicht mehr nur geredet wird. Ralf Lempke sagt: „Gehen Sie mal davon aus, dass wir was in der Schublade haben.“

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