Sport : Wunder mit Verlängerung

Vincenzo Delle Donne

Das Wunder von Verona geht in die Verlängerung - und zwar unter den Augen verdutzter Funktionäre von Inter Mailand sowie ungläubiger Tifosi. Auf fremdem Terrain gewissermaßen. In San Siro spielte Aufsteiger Chievo Verona die Millionentruppe schwindelig und entriss ihr die Tabellenführung. Die rosarote "Gazzetta dello Sport" titelte nach dem verdienten 2:1: "Was für ein Spektakel, dieses Chievo!" Inter Mailands Präsident Massimo Moratti, dessen Mannschaft von der Tabellenführung der Serie A gestoßen worden war, mimte nach dem Spiel gleichwohl den hehren Sportsmann. "Man muss Angst vor dieser Mannschaft haben", sagte Moratti, "denn ihr Spiel ist kein Zufallsprodukt."

Eine Warnung an die übrige Liga-Konkurrenz. Chievos Klubchef Luca Campedelli, der seit Kindesbeinen ein Fan von Inter Mailand ist, kostete den Moment des Triumphes aus. "Es ist ein Traum, den ich mein ganzes Leben tief in mir tragen werde." An der Vorgabe des Aufsteigers ändere sich aber nichts. "Der Klassenerhalt bleibt unser Hauptziel", sagte Campedelli, der Fabrikbesitzer ist und italienische Weihnachtskuchen produziert. Chievos Trainer Luigi Del Neri fügte hinzu: "Wichtig ist es, bescheiden und mit den Füßen auf den Boden zu bleiben."

Inters argentinischer Trainer Hector Cuper war sprachlos. Denn auch mit dem halbwegs genesenen brasilianischen Stürmerstar Ronaldo, der von Anfang an das Sturmduo mit Christian Vieri bildete, wurde Inter vorgeführt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Bernardo Corradi nach 20 Minuten das 1:0 gelang. Fünf Minuten später gelang Vieri mit einem Zufallstreffer zwar noch der Ausgleich, doch der Aufsteiger spulte sein gewohntes Spiel ab. Nach einer Vielzahl schöner Kombinationen, bei denen die gesamte Mannschaft entweder verteidigte oder stürmte, erspielte sich Chievo Chance um Chance. Dabei stand der Brasilianer Eriberto da Conceicao als Vorbereiter im Mittelpunkt. Dem Kapitän Massimo Marazzina war es dann vorbehalten, das 2:1 in der 54. Minute zu erzielen.

Pechvogel des Abends war Ronaldo, auf den die Gazetten nach seinem ersten Tor im letzten Ligaspiel noch Lobeshymnen gesungen hatten. In aussichtsreicher Position vergab der Brasilianer zwei klare Chancen. "Bei der ersten hätte ich sofort schießen müssen, bei der zweiten weiß ich nicht, was passiert ist", sagte Ronaldo konsterniert. Ein Trost bleibt ihm. Er absolvierte ein ganzes Spiel, auch wenn man den Eindruck nicht los wurde, dass er sich in mancher Szene ein wenig zurückhielt. Das nennt man wohl Risikominimierung.

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