Sport : Wundersame Wandlung

Wie bei Alba Berlin in zwei Wochen aus egoistischen Einzelsportlern ein erfolgreiches Team geworden ist

Helen Ruwald

Berlin. Am Eingang zum VIP-Raum der Max-Schmeling-Halle schaut Vladimir Petrovic von einem Poster: Mit weit offenem Mund und wehendem Haar behauptet er sich mit dem Ball zwischen zwei Gegenspielern. Das Bild hatte am Mittwochabend Symbolwert. Die Ehrengäste erblickten nach dem 95:89 von Alba Berlin im Europaligaspiel gegen Tau Vitoria auf dem Weg zum Büfett noch einmal das, was sie zuvor in der Halle gesehen hatten: einen durch niemanden zu bremsenden Vladimir Petrovic. „Er hat ein überragendes Spiel gemacht“, lobte Trainer Emir Mutapcic den Flügelspieler.

Er war mit 28 Punkten Topscorer, holte neun Rebounds und zwang Andres Nocioni (24 Punkte) schon nach 17 Minuten zum vierten Foul, sodass dieser die Partie lange von der Bank betrachten musste. Doch damit nicht genug: Petrovic kämpfte nicht nur, er glänzte auch. Kurz vor der Pause fand er sich nach einem langen Pass alleine unter dem Korb wieder, doch statt den Ball einfach hineinzuwerfen, drehte er sich und punktete mit einem Rückwärtsdunking.

Auch dieses Selbstbewusstsein gegen ein Topteam, in dem mit Nocioni und Macijauskas die beiden bislang besten Werfer dieser Europaliga-Saison stehen, war es, das Alba im vierten Gruppenspiel den ersten Sieg bescherte. Damit bleibt die Chance auf einen Platz unter den ersten fünf der Achtergruppe und den Einzug in die nächste Runde. Gegen eigentlich gleich starke Gegner wie Villeurbanne und Wroclaw hatten die Berliner verloren, sich gegen die Polen vor zwei Wochen mit einer indiskutablen Leistung blamiert. „Wir wollten uns die Punkte zurückholen, die wir gegen Wroclaw verloren haben“, sagte Mutapcic. Und so stand am Mittwoch ein völlig verwandeltes Team auf dem Platz. „Entscheidend war, dass keiner von uns Angst hatte zu verlieren. Ich habe in keinem Gesicht Furcht gesehen. Manchmal spürt man im Spiel, dass es einem entgleitet, das war heute nicht so“, sagte Spielmacher DeJuan Collins, während Marko Pesic „Emotionen, Enthusiasmus und Courage“ als Schlüssel für den überzeugenden Auftritt nannte.

Petrovic überragte, und er zog andere Spieler mit: Collins machte 21 Punkte und verwandelte in der Schlussphase, als Vitoria sich herankämpfte, nervenstark Freiwurf um Freiwurf, elf von insgesamt 14. Center Jovo Stanojevic, der in einem Formtief steckte, hatte die beste Feldwurfquote aller Berliner – 83 Prozent. Und „John Best hat in der Verteidigung überragend gespielt“, sagte Mutapcic. Best spielte Ende der Neunzigerjahre unter dem jetzigen Tau-Trainer Dusko Ivanovic bei Olympique Fribourg in der Schweiz. „Er hat mir alles beigebracht, was ich in der Offensive kann, jetzt habe ich ihm gezeigt, dass ich auch in der Defensive stark bin“, erzählte Best. In Leverkusen, wo er bis zum Sommer spielte, war er der Star und brillierte im Angriff, in Berlin ist er sich nicht zu schade für die Dreckarbeit in der Verteidigung, um der Mannschaft zu helfen.

Gegen Wroclaw standen fünf Individuen auf dem Feld, die – Ball in der Hand, Kopf nach unten – alles alleine machen wollten. In nur zwei Wochen sind aus den Einzelsportlern Mannschaftsspieler geworden. „Vielleicht musste es erst so schlimm werden, damit alle zuerst an die Mannschaft denken“, meinte Mithat Demirel. „Wir haben im Training härter gegeneinander gekämpft und uns gepusht“, sagte Best. Und untereinander fielen nach dem „Schock“ (Mutapcic) gegen Wroclaw deutliche Worte, dann begann das Zusammenraufen. Schon bei der Niederlage in Valencia und beim Sieg gegen den Mitteldeutschen BC hatten sich die Berliner stark verbessert präsentiert.

Während Präsident Dieter Hauert warnte, man dürfe keine Wunder erwarten, „das waren heute 110 Prozent“, ist Mutapcic noch nicht zufrieden: „Das waren 60 bis 70 Prozent, schließlich hat Stefano Garris verletzt gefehlt.“ Dass es tatsächlich noch etwas zu lernen gibt, zeigte Best nach dem Spiel. Neugierig betrachtete er an der Garderobe vor dem VIP-Raum ein Bild, das sein Team zwischen Weihnachtskugeln zeigte. Erst eines der Garderobenfräuleins erklärte ihm, dass hinter den Köpfen Schokolade steckt. Ein Aha-Erlebnis für Best: Von einem Adventskalender hatte er noch nie etwas gehört.

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