Sport : Yoga zur Beruhigung

Klinsmann und Löw wollen Streit mit Bundesligaklubs beilegen – aber an ihren Methoden festhalten

Stefan Hermanns[Hamburg]

Die Anforderungen an einen Fußballtrainer sind in jüngerer Vergangenheit immer vielfältiger geworden. Neben fachspezifischen und trainingsmethodischen Fertigkeiten verlangt der Job medizinische Kenntnisse genauso wie psychologisches und kommunikatives Geschick. Wenn dieser Trend anhält, wird der Deutsche Fußball-Bund (DFB) demnächst noch Vertreter des Auswärtigen Amtes verpflichten müssen, die den Traineranwärtern die wichtigsten Strategien zur Krisenbewältigung vermitteln. Im bilateralen Konflikt mit der Bundesliga hat die Führung der Nationalmannschaft gestern schon einmal vorbildlich gezeigt, wie man einerseits vage Bereitschaft zum Kompromiss signalisiert, andererseits in der Sache nicht von seinen Überzeugungen abweicht.

Jedenfalls wirkte es wie ein Beweis des guten Willens, als der DFB gestern über die Inhalte des Vormittagtrainings unterrichtete: Die Nationalspieler waren lediglich zu einer Yoga-Einheit gebeten worden. Das wird die Trainer aus der Bundesliga freuen, die zuletzt fürchten mussten, dass ihre Profis bei der Nationalmannschaft körperlich überfordert werden. „Wir haben natürlich auch registriert, dass von einem Unmut in der Liga gesprochen wird“, sagte Joachim Löw.

Der Assistent von Jürgen Klinsmann war gestern, nach dem Prinzip der Trainerrotation, für die tägliche Pressekonferenz abgestellt worden, und dass der Bundestrainer nicht außerplanmäßig selbst einsprang, deutet zumindest auf eine gewisse Gelassenheit beim DFB hin. Vor vier Wochen, nach der Niederlage in der Slowakei und der als unsachlich empfundenen Kritik an Klinsmann, hatte der Verband noch Oliver Bierhoff, den Manager der Nationalmannschaft, als Krisenreaktionskraft aufgeboten und damit seinen prominentesten Redner mit der Verteidigung des Bundestrainers betraut.

Möglicherweise unterschätzt die Führung der Nationalmannschaft den aktuellen Streit. Nach der Niederlage in Bratislava hatten die Boulevardmedien Klinsmann angegriffen; jetzt kommt die Kritik von Fachleuten aus den eigenen Reihen: von den Kollegen aus der Liga, auf deren Kooperation Klinsmann für das Gelingen seines Projekts angewiesen ist. Löw wiederholte gestern sein Angebot zum Dialog: „Es ist grundsätzlich nicht so, dass wir beratungsresistent im Keller sitzen.“ Allerdings sagte er auch: „Wir werden unsere Vorstellungen beibehalten.“

Das ist eine dürftige Basis für Verhandlungen, und genau diese Haltung wird Ralf Rangnick, der Trainer von Schalke 04, im Kopf gehabt haben, als er dem „Kicker“ sagte: „Es wäre hilfreich für alle, wenn die Kommunikation mit dem Bundestrainer nicht rege, sondern fruchtbar wäre.“ Diesen Eindruck haben viele seiner Kollegen nicht. Beide Seiten reden aneinander vorbei, und deshalb erscheint eine schnelle Versöhnung im Moment nahezu ausgeschlossen.

Das liegt auch daran, dass die unterschiedlichen Interessen schwer miteinander vereinbar sind. Die Bundesligatrainer brauchen Spieler, die über die ganze Saison hinweg ihre Höchstleistung erbringen; Jürgen Klinsmann hingegen trainiert so, dass dieselben Spieler zur WM, also nach der Saison, ihren Leistungshöhepunkt erreichen. Und während die Bundesligatrainer nach Regeneration für ihre geplagten Profis schreien, hält Löw daran fest, „dass die Grenze nach oben gesetzt wird. Wenn der Spieler schwere Beine hat, muss er sich mal fragen, ob er nicht in der Lage ist, auch mal darüber hinauszugehen“.

Die angeblich zu hohe Belastung durch den Fitnesstest ist nur der Auslöser des Konflikts gewesen. Die Spieler mussten am Dienstagmorgen sieben Sprints über 30 Meter absolvieren und am Nachmittag einen Ausdauerlauf über 3500 Meter. Davon sollen sie noch am Samstag so kaputt gewesen sein, dass sie gegen die Türkei vor der Pause kaum einen Zweikampf gewannen? „Wenn es so gewesen wäre, wäre es in der zweiten Halbzeit ja nicht besser gelaufen“, sagte Linksverteidiger Marcell Jansen. Löw berichtete, dass sogar Klinsmann den kompletten Test mitgemacht habe – mit Puls 160, also im grünen Bereich: „Der ist seit zehn Jahren Hobbysportler. Er joggt gelegentlich.“

Die wahren Ursachen für den Konflikt liegen tiefer. Klinsmann und Löw wollen die Mannschaft besser machen, indem sie jeden Spieler technisch, taktisch und konditionell besser machen. Im Prinzip ist dagegen nichts einzuwenden, indirekt aber wird den Vereinstrainern unterstellt, dass sie aus ihren Spielern nicht das Maximale herausholen. Das lassen sie sich nicht besonders gerne nachsagen.

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