Sport : Young ladies first

Eine Elfjährige greift in der Männerdomäne Ringen an

Matthias Jekosch

Berlin - Das Gesicht gerötet vor Anstrengung, die zum Zopf geflochtenen Haare auseinandergewirbelt, so sieht das aus, wenn Franziska Berger auf der Matte steht. Und weil sie ein blaues Trikot trägt, das einem Badeanzug ähnelt, kann man zugleich sehen, wie austrainiert sie ist. Von der Schulter bis zur Taille ähnelt der Rücken einem maskulinen Dreieck. Sie steht nicht allein auf der Matte, sie hat einen Trainingspartner. Der plumpst auf den Boden, immer wieder. Franziska Berger, die Ringerin, ist da kompromisslos. Franziska Berger, die Elfjährige.

Ein Mädchen in einem Männersport. Ein ungewöhnliches Bild. Und genauso ungewöhnlich ist es, dass sie nicht bloß Mitteldeutsche Meisterin der Mädchen ist, sondern auch Norddeutsche Meisterin bei den Jungen. Anfang Februar gewann die Freistilringerin, 37 Kilogramm leicht, in ihrer Gewichtsklasse Silber bei den Mitteldeutschen Meisterschaften, ihr erster Wettkampf in der höheren Altersstufe. „In Berlin-Brandenburg kann sie eigentlich keiner schlagen“, sagt Marco Mütze vom SV Luftfahrt in Berlin. Der SV Luftfahrt ist Franziska Bergers Verein, Mütze ihr Trainer. Wie stark die Gegnerinnen in Deutschland sind, das lernt sie seit gestern bei den deutschen Meisterschaften in Haslach.

Drei Mal pro Woche trainiert Mütze das Talent in Berlin-Treptow in der Halle des SV Luftfahrt, dort, wo auch die Zweitliga-Ringer kämpfen. Joggen, Klimmzüge, Liegestütze, das Basisprogramm, das erledigt sie zu Hause. Franziska Müller ist schwer beeindruckt. „Ich kenne niemanden, der so ehrgeizig ist“, sagt die Mädchentrainerin.

Die Elfjährige spürt ständig, dass sie in eine Männerwelt eingedrungen ist. Sie muss sich in der maroden Halle in Berlin-Treptow ja bloß mal umziehen. Es gibt nur einen Umkleideraum und im Übrigen auch nur eine Toilette. Mit Frauen hatte man hier nicht gerechnet. Also müssen die Jungen warten, young ladies first. „Normalerweise gehe ich schnell unter die Dusche“, sagt Franziska Berger. Dann dürfen die anderen kommen.

Es war ein ziemlich unspektakulärer Einstieg in diese Männerdomäne. Er führte über einen Trainer, der an ihre Schule kam und zum Probetraining einlud. Franziska Berger kam, und sie blieb. „Mir gefällt der Wettkampf“, sagt sie. So lerne sie Selbstständigkeit.

Schon jetzt ist die junge Berlinerin für den Nationalkader im Gespräch. Aber das ist Theorie. Es gibt viele Talente, die ihre sportliche Entwicklung abgebrochen haben. Wegen Verletzungen, wegen der Pubertät, weil die Lust verloren gegangen ist. Noch ist die Lust da, noch absolviert sie alle Übungen problemlos. Während sie zum Beispiel einen Übungskampf hat, trainieren am anderen Ende der Halle ein paar Jungen. Einer muss auf einer schmalen Bank versuchen, an allen anderen vorbeizukommen, ohne runterzufallen. Solche Übungen absolviert Franziska Berger oft. Sie fällt sehr selten herunter.

Und in ihrer Schule wissen mittlerweile alle, dass man sich mit ihr besser nicht anlegt. Das gilt auch für ihr direktes Umfeld. „Meine Freundinnen“, sagt sie, „werden auch in Ruhe gelassen.“

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